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Selbsterhaltungstherapie (SET) bei Demenz – einfach erklärt

Du arbeitest mit Menschen mit Demenz? Dann kennst du solche Tage: Eine Bewohnerin ruft immer wieder. Ein Bewohner will „nach Hause“. Und du hast das Gefühl: Ich schaffe das alles nicht.

Die Selbsterhaltungstherapie, kurz SET, kann dir helfen. Sie schaut nicht zuerst darauf, was ein Mensch nicht mehr kann. Sie schaut darauf, was er noch gut kann.

Forschende der Universitätsmedizin Mainz haben die SET in fünf Pflegeheimen getestet. Sie haben alles in einem Bericht aufgeschrieben. Wir haben diesen Bericht ganz gelesen. Hier erklären wir dir die wichtigsten Punkte – in einfachen Worten.

Inhaltsverzeichnis

📖 Kurz erklärt: Wie liest du diesen Artikel?

In diesem Artikel findest du „Kurz erklärt“-Kästen wie diesen. Dort erklären wir schwierige Wörter.

Hinter manchen Sätzen steht (Bericht, Kap. 5). Das heißt: Diese Information steht im Abschlussbericht in Kapitel 5. So kannst du alles selbst nachlesen. Den Bericht findest du hier als PDF.

1. Was ist die Selbsterhaltungstherapie?

Die Selbsterhaltungstherapie ist ein Konzept für die Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz. Dr. Barbara Romero hat sie in den 1980er- und 1990er-Jahren in München entwickelt (Bericht, Kap. 1.1).

📖 Kurz erklärt: Konzept

Ein Konzept ist ein Plan mit festen Regeln. Alle im Team arbeiten nach denselben Ideen. So weiß jeder, was zu tun ist.

Was heißt „Selbst erhalten“?

Das „Selbst“ ist das, was einen Menschen ausmacht. Seine Fähigkeiten. Seine Vorlieben. Seine Geschichte. Sein Selbstwertgefühl.

Eine Demenz nimmt einem Menschen nach und nach vieles weg. Die SET möchte, dass möglichst viel vom „Selbst“ lange erhalten bleibt.

Die 3 Ziele der SET

Die SET hat drei Ziele (Bericht, Kap. 2):

  1. Fähigkeiten erhalten: Der Mensch soll lange selbstständig bleiben.
  2. Stress vermeiden: Belastende Situationen sollen seltener werden.
  3. Wohlbefinden stärken: Der Mensch soll sich wohl und wertvoll fühlen.

Dafür passt das Team drei Dinge an:

  • wie es spricht (Kommunikation)
  • was der Mensch am Tag erlebt (Aktivitäten)
  • wie sein Umfeld aussieht (Zimmer und Räume)

📖 Kurz erklärt: Ressourcen

Ressourcen sind Stärken und Fähigkeiten, die ein Mensch noch hat. Zum Beispiel: Er kann noch gut singen. Oder sie faltet gern Wäsche. Die SET baut auf diesen Stärken auf.

Ist die SET neu?

Nein. Die SET gibt es schon lange:

  • Seit 1998 nutzen sie Kliniken, zum Beispiel in Bad Aibling und in Mainz.
  • Seit 2006 nutzen sie Pflegeheime, zuerst in Mainz, später auch in Köln und Frechen.

Die SET nutzt Methoden, die auch die offizielle Leitlinie für Demenz empfiehlt (Bericht, Kap. 2). Zum Beispiel Bewegung, Musik und Gedächtnistraining.

📖 Kurz erklärt: Leitlinie

Eine Leitlinie ist eine Empfehlung von Fachleuten. Sie sagt, welche Behandlung gut geprüft ist und wirkt. Für Demenz gibt es die S3-Leitlinie Demenzen. „S3“ bedeutet: die höchste Qualitätsstufe.

Beispiel: Herr K. war 40 Jahre lang Schreiner. Beim Basteln wird er oft unruhig. Dann bekommt er ein Stück Holz und Schleifpapier. Er arbeitet ruhig. Er erzählt von seiner Werkstatt. Genau das ist SET: Man nutzt, was der Mensch gut kann.

✍️ So setzt du es um:

  1. Frag dich bei jedem Bewohner: Was kann diese Person heute noch gut?
  2. Schreib eine Tätigkeit auf, die sie früher gern gemacht hat.
  3. Überleg: Wie kann sie diese Tätigkeit heute in einfacher Form machen?

💡 Tipp: Die wichtigste Grundlage ist deine Haltung. Begegne jedem Menschen mit Respekt und Wertschätzung (Bericht, Kap. 2). Ohne diese Haltung helfen auch die besten Methoden nicht.

2. Das Projekt: Wer hat was getestet?

Das Projekt heißt „Implementierung des SET-Konzeptes in Pflegeheimen in Rheinland-Pfalz“. Das Land Rheinland-Pfalz hat es unterstützt.

📖 Kurz erklärt: Implementierung

Implementierung heißt Einführung. Etwas Neues wird Schritt für Schritt in den Alltag eingebaut – bis es ganz normal ist.

Die wichtigsten Fakten

  • Dauer: Herbst 2023 bis Ende 2025 (Bericht, Kap. 3)
  • Pflegeheime: Zuerst 6. Eines ist ausgestiegen, weil Personal fehlte. Das hatte laut Heimleitung nichts mit der SET zu tun.
  • Mitarbeitende: 630 in allen Berufen. 225 davon wurden geschult. Das ist gut ein Drittel (Bericht, Kap. 7.1).
  • Bewohnende mit Demenz: etwa 265 Menschen

Wie wurden die Heime ausgewählt?

Die Heime sollten wenig Leiharbeit haben. Und die Leitung sollte stabil sein, also nicht oft wechseln. So bleibt das Gelernte besser im Haus (Bericht, Kap. 3).

Das Besondere

Die Heime bekamen kein zusätzliches Personal und kein zusätzliches Geld (Bericht, Kap. 8). Alles lief im normalen Alltag. Das heißt: Was dort geklappt hat, kann auch in anderen Heimen klappen.

Die Einführung in 4 Schritten

Schritt Was passiert? Wie lange?
1. Lernen Seminare über Demenz und die SET 2,5 Tage für Pflege und Betreuung, 0,5 Tage für Leitung, Verwaltung und Hauswirtschaft
2. Ziele festlegen Die Leitung plant: Was wollen wir ändern? etwa 2,5 Tage pro Heim
3. Üben Bewohnerbesprechungen einführen und üben je ein halber Tag pro Termin
4. Festigen Begleitung, Konzept aufschreiben, im Alltag verankern etwa 2 Tage pro Heim

Quelle: Bericht, Kap. 5 und Tabelle 1

Insgesamt dauerte die Einführung etwa ein Jahr pro Heim.

✍️ So setzt du es um:

  1. Plane für ein neues Konzept ein Jahr ein. Nicht nur ein paar Wochen.
  2. Hol alle Bereiche ins Boot: auch Küche, Reinigung und Verwaltung.
  3. Such dir eine Person, die das Thema im Haus betreut.

3. Die 7 Bausteine der SET

Die SET besteht aus sieben Bausteinen (Bericht, Kap. 2). Wichtig: Die Macher haben darauf geachtet, dass nicht unnötig viel Papierkram entsteht (Bericht, Kap. 1.1).

Baustein 1: Den Menschen kennenlernen

Das Team sammelt Wissen über den Menschen:
– Welche Art von Demenz hat er? Wie stark ist sie?
– Welche Verhaltensweisen sind schwierig?
– Wie war sein Leben früher? (Biografie)
– Was mag er heute? Was mag er nicht?

📖 Kurz erklärt: Biografie

Die Biografie ist die Lebensgeschichte eines Menschen. Zum Beispiel: Wo ist er aufgewachsen? Welchen Beruf hatte er? Was waren seine Hobbys? Was war schön oder schwer in seinem Leben?

Baustein 2: Den Alltag anpassen

Mit diesem Wissen passt das Team an, wie es spricht, was es anbietet und wie die Räume aussehen.

Baustein 3: Bewohnerbesprechungen

Das Team spricht mindestens einmal im Jahr ausführlich über jeden Menschen mit Demenz. Mehr dazu im nächsten Kapitel.

Baustein 4: Mitmachen und Erleben

Es soll viele verschiedene Angebote geben. Sie müssen zu leichter, mittlerer und schwerer Demenz passen.

Die Empfehlung: mindestens 4 Angebote pro Woche für jeden Menschen mit Demenz. Das kann eine Gruppe sein oder eine Einzelbetreuung (Bericht, Kap. 2).

Baustein 5: Ein Zuhause schaffen

Eigene Fotos und eigene Möbel im Zimmer helfen. Der Mensch fühlt sich dann eher „zu Hause“. Auch die Gemeinschaftsräume sollen einladend sein.

Baustein 6: Angehörige einbeziehen

Familie und Freunde gehören dazu. Sie wissen oft am meisten über den Menschen.

Baustein 7: Mit Ärzten und Therapeuten zusammenarbeiten

Das Heim arbeitet eng mit Hausärzten, Therapeuten und Kliniken zusammen.

Besonders wichtig: bestätigend sprechen

Ein wichtiges Werkzeug der SET ist die bestätigende Kommunikation (Bericht, Kap. 2).

📖 Kurz erklärt: Bestätigende Kommunikation

Du korrigierst nicht und kritisierst nicht. Du nimmst ernst, was der Mensch sagt und fühlt. Du zeigst Verständnis. Zum Beispiel mit Sätzen wie: „Das ist Ihnen wichtig, oder?“

Beispiel: Frau M. sagt beim Frühstück: „Ich muss los. Die Kinder kommen gleich aus der Schule.“

❌ Nicht so: „Ihre Kinder sind doch längst erwachsen.“
✅ Besser so: „Sie haben sich immer gut um Ihre Kinder gekümmert. Was haben die am liebsten gegessen?“

Frau M. bleibt sitzen. Sie erzählt gern von früher.

✍️ So setzt du es um:

  1. Achte eine Schicht lang darauf: Wie oft korrigiere ich?
  2. Frag stattdessen nach dem Gefühl dahinter.
  3. Sprich langsam und in kurzen Sätzen. Halte Blickkontakt.

💡 Tipp: Die SET sagt: „Probieren geht über Studieren.“ (Bericht, Kap. 2) Du weißt nicht, ob ein Mensch lieber an einem schön gedeckten Tisch sitzt oder an einem leeren? Dann probier beides aus.

4. Die Bewohnerbesprechung: das Wichtigste

Wenn du dir nur eine Sache merkst, dann diese: Die Bewohnerbesprechung ist laut Bericht das wichtigste Werkzeug der SET (Bericht, Kap. 8).

📖 Kurz erklärt: Bewohnerbesprechung

Das Team setzt sich zusammen und spricht über einen einzigen Menschen. Alle sagen, was sie über ihn wissen. Dann legt das Team fest: Was machen wir ab jetzt anders?

📖 Kurz erklärt: interdisziplinär

Das heißt: Verschiedene Berufe arbeiten zusammen. Also Pflege, Betreuung, Hauswirtschaft und manchmal auch Ärzte oder Therapeuten. Jeder sieht den Menschen aus einem anderen Blickwinkel.

Wie lief das im Projekt?

  • Zuerst gab es eine Schulung: Wie funktioniert so eine Besprechung? (ein halber Tag)
  • Dann hat jeder Wohnbereich zwei Besprechungen mit Begleitung geübt.
  • Am Ende gab es eine Prüfung im Wohnbereich. Dabei wurde an einem Bewohner geschaut: Klappt alles?

Das Ergebnis

Nach einem Jahr hatte es für 3 von 4 Menschen mit Demenz eine Bewohnerbesprechung gegeben. Genau: 74,8 Prozent (Bericht, Tabelle 7).

In einem Heim waren es sogar alle. In einem anderen nur gut die Hälfte. Der Grund war vor allem: zu wenig Personal (Bericht, Kap. 8).

💬 Ein echtes Beispiel aus dem Bericht

Eine Bewohnerin wurde oft unruhig. In einer Bewohnerbesprechung hat das Team ihre Stärken besprochen. Die Idee: Sie bekommt Handtücher zum Falten, wenn sie unruhig wird. Das hilft. Sie wird ruhiger (Bericht, Kap. 7.2).

Eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter hat im Interview gesagt:

„Man sieht den Bewohner als Ganzes und für alle ist es sichtbar.“

(Bericht, Kap. 7.2)

✍️ So setzt du es um:

  1. Sucht jeden Monat einen Menschen mit Demenz aus.
  2. Ladet Pflege, Betreuung und – wenn möglich – Hauswirtschaft ein.
  3. Sammelt: Demenz und Schweregrad, Lebensgeschichte, Stärken, schwierige Situationen.
  4. Legt 2 bis 3 konkrete Schritte fest. Schreibt sie auf.
  5. Schaut nach 4 bis 6 Wochen: Was hat sich verändert?


5. Ergebnis 1: Bessere Pflegedokumentation

Gute Pflege braucht gutes Wissen über den Menschen. Und dieses Wissen muss aufgeschrieben sein. Sonst geht es beim Schichtwechsel verloren.

Hier zeigt der Bericht die größten Verbesserungen (Bericht, Kap. 7.1).

📖 Kurz erklärt: Pflegedokumentation

Das ist alles, was über einen Bewohner aufgeschrieben wird – meist am Computer. Zum Beispiel Diagnosen, Pflegemaßnahmen und Beobachtungen.

Vorher und nachher

Was steht in der Dokumentation? Vorher Nachher
Menschen mit Demenz sind auf einen Blick erkennbar 4 von 10 8 von 10
Wie stark die Demenz ist (Schweregrad) fast niemand 7 von 10
Der frühere Beruf 8 von 10 9 von 10
Frühere Hobbys und Gewohnheiten 8,5 von 10 fast alle
Wichtige Erlebnisse aus dem Leben 7 von 10 8 von 10

Quelle: Bericht, Kap. 7.1, Tabellen 4 und 5. Alle Veränderungen sind laut Bericht „signifikant“.

📖 Kurz erklärt: signifikant

„Signifikant“ heißt: Der Unterschied ist sehr wahrscheinlich kein Zufall. Forschende prüfen das mit Rechenverfahren. Ist etwas „nicht signifikant“, kann der Unterschied auch zufällig sein.

📖 Kurz erklärt: Dauerreiter

Ein Dauerreiter ist eine dauerhafte Markierung in der Pflegedokumentation. Man sieht sofort: Diese Person hat eine Demenz. Wie ein bunter Aufkleber auf einem Aktenordner.

📖 Kurz erklärt: Schweregrad

Der Schweregrad sagt, wie stark die Demenz ist: leicht, mittel oder schwer. Das ist wichtig. Denn ein Mensch mit leichter Demenz braucht andere Angebote als ein Mensch mit schwerer Demenz.

Warum ist das wichtig für dich?

Vorher stand der Schweregrad fast nirgends. Nachher bei 7 von 10 Menschen. Das heißt für dich: Du kommst zum Dienst und weißt sofort: Wie spreche ich diesen Menschen an? Was kann ich ihm anbieten?

Ein Tipp aus dem Projekt

Im Projekt zählten nicht nur Menschen mit ärztlicher Demenz-Diagnose. Auch Menschen ohne Diagnose, aber mit deutlichen Gedächtnisproblemen, wurden mitgezählt (Bericht, Kap. 6.1.2). Dafür schaute man in das Begutachtungsinstrument.

📖 Kurz erklärt: Begutachtungsinstrument (BI), Modul 2

Das ist der Fragebogen des Medizinischen Dienstes für den Pflegegrad. Modul 2 prüft: Wie gut kann der Mensch denken, sich erinnern und sich verständigen? Hat jemand dort mindestens 7,5 gewichtete Punkte, zählte er im Projekt als „Mensch mit Demenz“.

✍️ So setzt du es um:

  1. Prüf: Sind Menschen mit Demenz in eurer Doku sofort erkennbar?
  2. Trag den Schweregrad in die SIS ein – nicht nur im Arztbrief.
  3. Prüf: Stehen Beruf, Hobbys und wichtige Erlebnisse drin?

📖 Kurz erklärt: SIS

SIS heißt „Strukturierte Informationssammlung“. Das ist der Teil der Pflegedokumentation, in dem du die wichtigsten Infos über einen Menschen sammelst: Was kann er? Was braucht er? Was wünscht er sich?

6. Ergebnis 2: Passende Angebote

Wie viele Angebote brauchen Menschen mit Demenz? Die SET sagt: mindestens 4 pro Woche.

Was kam heraus?

  • Vorher hatten gut die Hälfte (56 Prozent) mindestens 4 Angebote pro Woche.
  • Nachher waren es knapp zwei Drittel (63 Prozent).

Das ist mehr. Aber der Unterschied war nicht signifikant. Er kann also auch Zufall sein (Bericht, Kap. 7.1).

Die eigentliche Veränderung: das richtige Maß

Spannender ist etwas anderes:

  • Weniger Menschen bekamen gar kein Angebot.
  • Weniger Menschen bekamen sehr viele Angebote.
  • Mehr Menschen bekamen ein mittleres Maß: 4 bis 6 Angebote pro Woche.

Auch Einzelbetreuung zwei- bis viermal pro Woche gab es häufiger. Das war signifikant.

Die Forschenden sagen: Die Angebote passen jetzt besser zum einzelnen Menschen (Bericht, Kap. 8).

Ehrlich gesagt

Die Forschenden sind selbst noch nicht zufrieden. 63 Prozent sind ihnen zu wenig. Aber: Vielleicht wurde nicht jede Einzelbetreuung aufgeschrieben. Und manche Heime waren mit ihren Änderungen noch nicht fertig.

Diese Gruppenangebote gab es

  1. Bewegung: Sitztanz, Gymnastik, Kegeln
  2. Musik: Singen, Klangmassage
  3. Gedächtnis: Zeitungsrunde, Lesekreis, Bingo, Spiele
  4. Sonstiges: Ausflüge, Feste, Besuch von Kita-Kindern oder Therapiehunden, Gottesdienste

✍️ So setzt du es um:

  1. Mach eine Woche lang eine Strichliste: Wer war bei welchem Angebot?
  2. Markiere alle, die weniger als 4 Angebote hatten.
  3. Plane für sie kurze Einzelkontakte. Auch 10 Minuten zählen – wenn sie geplant sind.

💡 Tipp: Leere Zeit ohne Beschäftigung macht Menschen mit Demenz oft Stress (Bericht, Kap. 2). Wenn jemand am Nachmittag unruhig wird, fehlt vielleicht einfach eine passende Beschäftigung.

7. Ergebnis 3: Weniger Stress für das Team

Jetzt kommt der Teil, der dich wahrscheinlich am meisten interessiert. Denn bei jedem neuen Konzept fragt man sich: „Noch mehr Arbeit?“

Die Antwort des Berichts ist klar: Nein. Die Belastung wurde nicht größer. Sie wurde in mehreren Bereichen sogar kleiner (Bericht, Kap. 8).

Wie wurde das gemessen?

Die Mitarbeitenden haben vor und nach der Einführung einen Fragebogen ausgefüllt. Er heißt BelaDem.

📖 Kurz erklärt: BelaDem

BelaDem ist ein Fragebogen. Der Name kommt von „Belastung im Umgang mit Demenz“. Pflegekräfte geben an: Wie sehr belasten mich bestimmte Situationen? Und wie oft kommen sie vor? Das Ergebnis ist ein Wert zwischen 0 und 100 Prozent. Je höher der Wert, desto größer die Belastung.

Das Ergebnis

Was belastet? Vorher Nachher Veränderung
Das Gefühl, Menschen „ruhigstellen“ zu müssen 36 % 15 % deutlich weniger ✅
Das Gefühl, hilflos zu sein 37 % 25 % deutlich weniger ✅
Das Gefühl, überfordert zu sein 43 % 32 % deutlich weniger ✅
Schwierige Gespräche mit Angehörigen 41 % 31 % etwas weniger
Rufen und laute Geräusche 40 % 33 % etwas weniger
Aggressives Verhalten 18 % 19 % gleich niedrig

Quelle: Bericht, Tabelle 12. Befragt wurden 33 bis 35 Mitarbeitende, die beide Male mitgemacht haben. ✅ = signifikant.

Warum ist das so?

Die Forschenden vermuten: Wer mehr weiß, fühlt sich sicherer (Bericht, Kap. 8). Du kennst den Menschen besser. Du hast mehr Ideen. Du hast einen gemeinsamen Plan mit dem Team. Dann fühlst du dich weniger hilflos.

Mehr Zufriedenheit

Die Mitarbeitenden wurden auch gefragt: Wie zufrieden bist du mit der Situation der Menschen mit Demenz in deinem Heim?

  • Vorher waren 4 von 10 zufrieden.
  • Nachher waren es 6,5 von 10.
  • Unzufrieden war nachher niemand mehr (Bericht, Kap. 7.2).

Und der Aufwand?

Mehr Arbeit bei der Pflege? Das sahen die meisten nicht so. Mehr Arbeit bei der Dokumentation? Da sagten viele: „teils, teils“ (Bericht, Tabelle 8). Also: Ein bisschen mehr Schreibarbeit, aber nicht mehr Pflegearbeit.

✍️ So setzt du es um:

  1. Schreib eine Woche lang auf: Wann fühle ich mich hilflos?
  2. Bring diese Situationen in die nächste Teambesprechung.
  3. Sammelt zusammen zwei andere Ideen, bevor jemand an Beruhigungsmittel denkt.

8. SET und andere Konzepte

Vielleicht arbeitet dein Heim schon nach einem anderen Konzept. Zum Beispiel nach Kitwood, Böhm oder mit Validation. Keine Sorge: Die Konzepte sind sich in vielen Punkten ähnlich (Bericht, Kap. 2).

📖 Kurz erklärt: Die anderen Konzepte

  • Validation: Gefühle des Menschen ernst nehmen und anerkennen. Schwerpunkt: Kommunikation.
  • Kitwood (personzentriert): Der Mensch steht im Mittelpunkt, nicht die Krankheit.
  • Böhm (psychobiografisch): Die Lebensgeschichte und Prägung aus der Jugend stehen im Mittelpunkt.
  • MAKS®: Gruppentherapie mit vier Teilen: Bewegung, Alltag, Denken, Gemeinschaft.

Was ist bei der SET anders?

Thema SET Andere Konzepte
Wie breit? Deckt alle Lebensbereiche ab Oft nur ein Schwerpunkt, z. B. Sprechen oder Gruppen
Ärztliche Diagnose Wird bewusst genutzt – aber der Mensch wird nicht darauf reduziert Wird teils eher vermieden
Kleine Notlügen In manchen Situationen erlaubt, wenn sie dem Menschen guttun Werden teils kritischer gesehen
Umsetzung Flexibel, passt sich dem Personal an Teils strengere Vorgaben

Quelle: Bericht, Kap. 2

Das Gute daran

Andere Konzepte kann man in die SET einbauen (Bericht, Kap. 2). Du musst also nichts wegwerfen, was bei euch gut funktioniert.

Manche Mitarbeitende im Projekt sagten: „Das haben wir doch schon vorher gemacht.“ (Bericht, Kap. 7.2) Umso besser! Die SET macht dieses gute Wissen für alle sichtbar und verbindlich.

9. Was die Studie nicht zeigen kann

Zu guter Forschung gehört Ehrlichkeit. Der Bericht nennt selbst die Grenzen der Studie (Bericht, Kap. 8):

  • Wenige Antworten am Ende: Vorher haben 210 Mitarbeitende den Fragebogen ausgefüllt. Nachher nur 39.
  • Keine Vergleichsgruppe: Es gab keine Heime ohne SET zum Vergleich. Man weiß also nicht ganz sicher, ob die SET der einzige Grund für die Verbesserungen war.
  • Eigene Einschätzung: Die Mitarbeitenden haben selbst eingeschätzt, wie es ihnen geht. Manche antworten dann vielleicht etwas zu positiv.
  • Wechselnde Bewohnende: In einem Jahr sind Menschen gestorben und neue eingezogen.
  • Nicht direkt gemessen: Ob es den Bewohnenden selbst besser geht, wurde nicht direkt gemessen.

📖 Kurz erklärt: Vergleichsgruppe

Forschende vergleichen gern zwei Gruppen: eine mit dem neuen Konzept und eine ohne. Nur so sieht man sicher, was das Konzept bewirkt. Diese Studie hatte keine Vergleichsgruppe. Deshalb sind die Ergebnisse gute Hinweise, aber keine Beweise.

Trotzdem: Die Ergebnisse sind wertvoll

  • Das Projekt lief im echten Alltag.
  • Es waren fünf verschiedene Heime von verschiedenen Trägern.
  • Die Forschenden haben nicht nur gefragt, sondern selbst nachgeschaut: in der Dokumentation und vor Ort.

Das Fazit der Forschenden

Die SET kann für weitere Pflegeheime empfohlen werden (Bericht, Kap. 9). Weitere Forschung ist aber nötig. Zum Beispiel dazu, wie es den Bewohnenden langfristig geht.

10. So fängst du an

Du musst nicht warten, bis dein ganzes Heim die SET einführt. Viele Dinge kannst du im Kleinen ausprobieren. Du schaffst das – Schritt für Schritt.

🌟 Ein Beispiel aus dem Alltag

Sandra und Herr B. sind ausgedachte Personen. So könnte es aussehen:

Das Problem: Sandra ist Pflegefachkraft. Herr B. ruft am Nachmittag fast ununterbrochen. Das Team ist erschöpft.

Die Frage: Was beruhigt Herrn B.? Niemand weiß es. In der Doku steht nur „Demenz“.

Die Lösung: Sandra regt eine Bewohnerbesprechung an. Pflege, Betreuung, Hauswirtschaft und die Tochter von Herrn B. sind dabei. Die Tochter erzählt: Er war Bahnbeamter. Er liebte Fahrpläne und Ordnung.

Der Plan: Ab 15 Uhr sortiert Herr B. mit einer Betreuungskraft Prospekte. Und er „prüft“ den Wochenplan.

Das Ergebnis: Herr B. ruft weniger. Und das Team fühlt sich weniger hilflos. Denn jetzt gibt es einen gemeinsamen Plan.

✅ Checkliste: SET-Starter

  • Menschen mit Demenz sind in der Doku auf einen Blick erkennbar
  • Der Schweregrad der Demenz steht in der SIS
  • Beruf, Hobbys und wichtige Erlebnisse sind aufgeschrieben
  • Jeden Monat gibt es eine Bewohnerbesprechung
  • Hauswirtschaft und Verwaltung sind informiert
  • Jeder Mensch mit Demenz hat mindestens 4 Angebote pro Woche
  • Das Team kennt die bestätigende Kommunikation
  • Es gibt eine verantwortliche Person für die SET
  • Angehörige werden nach Lebensgeschichte und Vorlieben gefragt


Warum Weiterbildung so wichtig ist

Der Bericht zeigt: Damit die SET bleibt, braucht jedes Heim geschulte Personen. Sie heißen im Bericht Multiplikatoren (Bericht, Kap. 7.1).

📖 Kurz erklärt: Multiplikator

Ein Multiplikator ist eine Person, die ihr Wissen weitergibt. Sie schult zum Beispiel neue Kolleginnen und Kollegen. So bleibt das Wissen im Haus – auch wenn Menschen gehen.

Auch andere Studien zeigen: Gute Schulungen machen Pflegekräfte sicherer und zufriedener. Und sie senken Stress (Bericht, Kap. 2).

Genau hier hilft dir LIVENTO. In unserer Qualifizierung zur Betreuungskraft nach §§ 43b, 53b SGB XI lernst du die Grundlagen im Umgang mit Menschen mit Demenz: Kommunikation, Beschäftigung und Biografiearbeit.

📖 Kurz erklärt: Betreuungskraft nach §§ 43b, 53b SGB XI

Das ist eine anerkannte Qualifizierung für die Betreuung von Menschen in Pflegeheimen. „SGB XI“ ist das Gesetzbuch für die Pflegeversicherung. Die Paragrafen 43b und 53b regeln, was Betreuungskräfte lernen und tun.

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11. Das Wichtigste in Kürze

  • Stärken statt Schwächen: Die SET fragt: Was kann der Mensch noch? Darauf baut sie auf.
  • Bewohnerbesprechung einführen: Sie ist das wichtigste Werkzeug. Das Team lernt den Menschen gut kennen.
  • Gut dokumentieren: Schweregrad, Beruf und Lebensgeschichte gehören in die Doku. Im Projekt stand der Schweregrad vorher fast nirgends – nachher bei 7 von 10 Menschen.
  • Das richtige Maß an Angeboten: Mindestens 4 pro Woche. Passend zur Stärke der Demenz.
  • Weniger Stress: Mehr Wissen und ein gemeinsamer Plan machen das Team sicherer.
  • Geduld haben: Eine Einführung dauert etwa ein Jahr. Das ist normal.

12. Fragen und Antworten

Was ist die Selbsterhaltungstherapie (SET)?

Die SET ist ein Konzept für die Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz. Sie wurde von Dr. Barbara Romero in München entwickelt. Ihr Ziel: Fähigkeiten, Selbstständigkeit und Selbstwertgefühl möglichst lange erhalten.

Wirkt die SET wirklich?

Die SET nutzt Methoden, die Fachleute in der Leitlinie für Demenz empfehlen. Das Projekt in Rheinland-Pfalz zeigt gute Ergebnisse. Weil es keine Vergleichsgruppe gab, sind das aber starke Hinweise und keine Beweise.

Wie lange dauert die Einführung?

Im Projekt dauerte sie etwa ein Jahr pro Heim. Die ersten Schulungen für Pflege und Betreuung dauerten 2,5 Tage.

Macht die SET mehr Arbeit?

Laut Bericht eher nicht. Die Pflegearbeit wurde nicht mehr. Die Schreibarbeit wurde etwas mehr. Dafür sank das Gefühl von Hilflosigkeit und Überforderung deutlich.

Was ist eine Bewohnerbesprechung?

Das Team aus verschiedenen Berufen spricht ausführlich über einen einzigen Menschen mit Demenz. Dann legt es fest, was es ab jetzt anders macht. Jeder Mensch mit Demenz soll mindestens einmal im Jahr besprochen werden.

Was ist der Unterschied zur Validation?

Beide nehmen die Gefühle des Menschen ernst. Die Validation konzentriert sich auf das Sprechen. Die SET schaut auf alle Lebensbereiche. Man kann Validation in die SET einbauen.

Kann ich allein mit der SET anfangen?

Ja, im Kleinen. Bestätigend sprechen, nach der Lebensgeschichte fragen, Stärken nutzen – das kannst du sofort. Für eine Einführung im ganzen Heim braucht es aber die Leitung und geschulte Personen.

Wo finde ich den ganzen Bericht?

Den Abschlussbericht findest du hier als PDF. Er ist 50 Seiten lang und enthält alle Zahlen und Tabellen.

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Quelle: Klabunde, K., Romero, B., Robl, G. & Geschke, K.: Abschlussbericht zum Modellprojekt „Implementierung des SET-Konzeptes in die Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz in stationären Pflegeeinrichtungen in Rheinland-Pfalz“. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsmedizin Mainz, 2026. PDF abrufen

Stand: September 2026. Dieser Artikel ersetzt keine fachliche oder rechtliche Beratung.

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