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Soor- und Parotitisprophylaxe: Maßnahmen

Die klassische „Soor- und Parotitisprophylaxe“ gibt es im aktuellen Expertenstandard nicht mehr. Nicht, weil das Thema an Bedeutung verloren hätte – sondern weil es aufgegangen ist in etwas Größeres: die Förderung der Mundgesundheit als durchgehenden Pflegeprozess von der Ersteinschätzung bis zur Evaluation. Wer weiterhin in Einzelmaßnahmen denkt, arbeitet an einem Standard vorbei, der seit 2023 gilt.

Dieser Beitrag zeigt, was fachlich trägt: wie Sie Soor sicher erkennen – auch die Form ohne weiße Beläge –, wie Mundtrockenheit und Parotitis zusammenhängen, und welche acht Mittel der Expertenstandard ausdrücklich nicht empfiehlt.

Inhaltsverzeichnis

  1. Worum es geht – und was sich geändert hat
  2. Mundsoor erkennen
  3. Beläge, die kein Soor sind
  4. Parotitis: warum Speichel schützt
  5. Abgrenzung zu Mumps
  6. Wer besonders gefährdet ist
  7. Wirksame Maßnahmen
  8. Acht Mittel, die nicht empfohlen sind
  9. Kurzcheck Mundinspektion
  10. Fallbeispiel: Herr Baumgart, 79 Jahre
  11. Beobachten und dokumentieren
  12. Häufige Fragen
  13. Quellen

Worum es geht – und was sich geändert hat

Soor- und Parotitisprophylaxe umfasst alle pflegerischen Maßnahmen, die eine Pilzinfektion der Mundschleimhaut (Mundsoor) und eine Entzündung der Ohrspeicheldrüse (Parotitis) verhindern sollen. Beide entstehen überwiegend auf demselben Boden: verminderter Speichelfluss, unzureichende Mundhygiene und geschwächte Abwehr.

Der 2023 veröffentlichte Expertenstandard „Förderung der Mundgesundheit in der Pflege“ ordnet das neu. Er wurde interprofessionell entwickelt – gemeinsam mit Bundeszahnärztekammer, Deutscher Gesellschaft für Alterszahnmedizin und der Arbeitsgemeinschaft Zahnmedizin für Menschen mit Behinderung – und beschreibt statt einzelner Prophylaxen einen Ablauf:

  • Screening zu Beginn des pflegerischen Auftrags: Bestehen Probleme im Mundbereich oder Risiken dafür? Wiederholung in festzulegenden Abständen.
  • Assessment bei festgestellten oder zu erwartenden Problemen – mit Hinzuziehen weiterer Expertise, also in der Regel zahnärztlich.
  • Planung, Durchführung, Evaluation als fortlaufender Kreis.

Für die Praxis heißt das: Die Frage lautet nicht mehr „Machen wir bei Herrn X Soorprophylaxe?“, sondern „Was hat die Mundinspektion ergeben, und was folgt daraus?“

Ehrlich eingeordnet: Für die „Parotitisprophylaxe“ als eigenständiges Pflegekonzept gibt es keine Leitlinie, kein systematisches Review und keine kontrollierte Studie. Die Empfehlungen sind pathophysiologisch begründet und fachlicher Konsens – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wer das weiß, argumentiert im Team sicherer als jemand, der eine Evidenz behauptet, die es nicht gibt.

Mundsoor erkennen

Erreger ist überwiegend Candida albicans, ein Hefepilz, der bei vielen gesunden Menschen zur normalen Mundflora gehört. Der Nachweis allein ist keine Erkrankung – krank macht er erst bei gestörter lokaler oder systemischer Abwehr.

Zwei Erscheinungsformen sind zu unterscheiden, und die zweite ist die gefährlichere, weil sie übersehen wird:

Form Erscheinungsbild Erkennungsrisiko
Pseudomembranös
(der „klassische“ Soor)
Weiße, teils abstreifbare Beläge auf Zunge, Wangen und Gaumen. Nach dem Abstreifen zeigt sich eine gerötete, oft leicht blutende Fläche. Brennen, Geschmacksstörungen, Mundwinkelrhagaden. gut erkennbar
Erythematös (atroph) Keine weißen Beläge. Nur gerötete, glatte, oft brennende Areale – häufig am Gaumen unter einer Prothese und am Zungenrücken mit abgeflachten Papillen. wird laut Leitlinie leicht übersehen

Der Merksatz für die Praxis: Kein Belag schließt einen Soor nicht aus. Eine brennende, gerötete Schleimhaut ohne jeden Belag kann eine Candidose sein – besonders unter einer Prothese.

Die Diagnose stellt immer die Ärztin oder der Arzt; antimykotische Präparate werden ärztlich verordnet. Die pflegerische Aufgabe ist das Erkennen, Beschreiben und Melden.

Beläge, die kein Soor sind

Befund Unterscheidungsmerkmal
Speise- oder Milchreste Restlos abwischbar, darunter reizlose rosige Schleimhaut
Zungenbelag bei Mundtrockenheit oder Mundatmung Bräunlich-gräulich, auf die Zunge begrenzt, keine Rötung darunter
Borken und Krusten bei Exsikkose Angetrocknetes Sekret, zäh haftend, meist Zunge und Gaumen
Leukoplakie Nicht abwischbar, scharf begrenzt – zahnärztliche Abklärung erforderlich, potenziell prämaligne
Lichen planus Netzartige weiße Streifung, nicht abwischbar
Zahnpastareste, Chlorhexidin-Verfärbung Anamnese; bei Chlorhexidin bräunliche Verfärbungen

Kurz gefasst: Ein Belag, der sich restlos und ohne darunterliegende Rötung entfernen lässt, ist kein Soor. Einer, der sich gar nicht entfernen lässt, ebenfalls nicht – der gehört zahnärztlich abgeklärt.

Parotitis: warum Speichel schützt

Die Ohrspeicheldrüse mündet über den Ausführungsgang gegenüber dem oberen zweiten Backenzahn in die Mundhöhle. Solange Speichel fließt, spült er dieses Gangsystem kontinuierlich frei.

Versiegt der Speichelfluss, kehrt sich die Richtung um: Bakterien aus der Mundhöhle steigen retrograd über den Gang in die Drüse auf – zunächst als Entzündung des Gangsystems, dann der Drüse selbst. Zusätzlich wird der verbleibende Speichel zähflüssiger, was die Bildung von Speichelsteinen begünstigt; Steine wiederum unterhalten die bakterielle Besiedelung.

Warum trifft es überwiegend die Ohrspeicheldrüse und nicht die Unterkieferspeicheldrüse? Weil der Parotisspeichel eine geringere bakteriostatische Aktivität besitzt – der submandibuläre Speichel ist zähflüssiger und enthält mehr Schutzfaktoren.

Klinische Zeichen: Schwellung vor dem Ohr und über dem Kieferwinkel mit typischem Abstehen des Ohrläppchens, Schmerzen, die sich beim Kauen verstärken, Ohrenschmerzen, Rötung und Überwärmung, Fieber, reduzierter Allgemeinzustand, gelegentlich Kieferklemme. Bei vorsichtigem Druck auf die Drüse kann sich am Ausführungsgang eitriges Sekret entleeren – ein Alarmzeichen, das sofort ärztlich abzuklären ist.

Abgrenzung zu Mumps

Merkmal Bakterielle Parotitis Mumps (viral)
Beginn rasch einsetzend nach 2–3 Wochen Inkubationszeit
Seitigkeit häufig einseitig meist beidseitig
Sekret aus dem Gang eitrig serös
Typischer Kontext ältere, mangelernährte, stationär behandelte oder pflegebedürftige Menschen Ungeimpfte, vor allem Kinder und junge Erwachsene; Umgebungsfälle
Meldepflicht nein ja – nach Infektionsschutzgesetz namentlich, bereits bei Verdacht

Weitere Differenzialdiagnosen, die ärztlich zu klären sind: Speichelstein ohne Infektion (die Schwellung tritt typischerweise mahlzeitabhängig auf), Lymphknotenentzündung, Tumor, Sjögren-Syndrom.

Wer besonders gefährdet ist

Für die orale Candidose sind folgende Risikofaktoren fachlich belegt:

  • Antibiotikatherapie – stört die orale Standortflora
  • Glucocorticoide, systemisch wie inhalativ
  • Immunsuppression, HIV mit CD4-Depletion, Zustand nach Stammzelltransplantation, chronische GvHD
  • Strahlentherapie im Kopf-Hals-Bereich
  • Diabetes mellitus
  • Zahnprothesen – als lokale Störung der normalen Schleimhautphysiologie

Für beide Krankheitsbilder ist die Mundtrockenheit der zentrale pflegerelevante Faktor. Speichel ist der wichtigste natürliche Schutz: Er spült mechanisch, puffert Säuren und enthält Immunglobulin A, Lysozym und Laktoferrin. Typische Ursachen einer Xerostomie in der Pflege: Anticholinergika, Opioide, Antidepressiva, Neuroleptika und Diuretika, Exsikkose, Fieber, Mundatmung, Bestrahlung, Sjögren-Syndrom.

Hinzu kommen zwei Situationen, in denen die Mundpflege paradoxerweise oft reduziert wird, obwohl das Risiko steigt: Sauerstoffgabe (trocknet die Schleimhaut aus) und Nahrungskarenz (Kaureiz, Speichelfluss und mechanische Selbstreinigung entfallen). Für beide Konstellationen liegt keine Interventionsstudie vor – die Empfehlung ist physiologisch begründet und fachlicher Konsens.

Zur Prothesenstomatitis, dem praxisrelevanten Sonderfall: Zwischen 20 und 80 Prozent der Prothesenträger sind betroffen, meist symptomarm. Nach 14 Tagen konsequenter Hygiene sinkt die Keimlast um 85 bis 95 Prozent – steigt aber nach vier Wochen wieder um 40 bis 100 Prozent an. Prothesenhygiene wirkt also nur als Dauermaßnahme, nicht als Kur.

Wirksame Maßnahmen

Mundinspektion – der Kern

Ohne Blick in den Mund ist alles andere Ritual. Zu beurteilen sind: Speichel (fließend, zäh oder gar nicht vorhanden?), Lippen, Zahnfleisch, Zunge, Wangen- und Mundschleimhaut, Zahnstatus und Beläge, Prothesensitz. Auf Blutungen, Verletzungen, Ulzera und lockere Zähne achten. Für gute Ausleuchtung sorgen – das ist in einer Standardarbeitsanweisung ein eigener Arbeitsschritt, und im Alltag der am häufigsten übersprungene.

Zahn- und Prothesenpflege, möglichst zweimal täglich

Bewährter Ablauf:

  1. Positionierung und Ausleuchtung, Einmalhandschuhe, Material bereitlegen
  2. Lippen zu Beginn pflegen – das beugt Verletzungen der Lippen und Mundwinkel während der Maßnahme vor
  3. Prothesen entnehmen und vorreinigen
  4. Mund kräftig ausspülen
  5. Zähne, Zahnfleisch, gegebenenfalls Zunge und Schleimhäute mit weicher Zahnbürste und fluoridhaltiger Zahnpasta reinigen; Zahnzwischenräume mit Interdentalbürste
  6. Zahnpastareste ausspucken lassen und nur wenig nachspülen – der verbleibende Schaum baut die schützende Deckschicht weiter auf
  7. Prothesen nachreinigen, abspülen, eingliedern oder zur Nacht trocken lagern
  8. Lippen erneut pflegen

Drei Details, die selten bekannt sind: Prothesen werden mit Zahnpasta gereinigt, nicht mit Seife. Die trockene Nachtlagerung in einer Dose mit geöffnetem Deckel reduziert die Keimlast besser als das Wasserbad. Und Reinigungstabletten wirken nur in den ersten Minuten – nach spätestens 30 Minuten ist die Reinigungswirkung erschöpft.

Zum Aspirationsschutz: Kopf leicht nach vorn-unten beugen, nicht zur Seite drehen. Bei Menschen mit Schluckstörung gelten zusätzlich die Regeln der Aspirationsprophylaxe.

Speichelfluss anregen

Kauen ist der stärkste physiologische Speichelreiz. Systematische Übersichten belegen, dass zuckerfreier Kaugummi die Speichelflussrate bei erhaltener Restsekretion steigert.

Aber: Ein Nachweis, dass dadurch Soor oder Parotitis tatsächlich verhindert werden, existiert nicht. Eine Cochrane-Übersicht fand keine überzeugende Evidenz dafür, dass sich Mundtrockenheits-Symptome durch Kaugummi bessern. Die Maßnahme ist risikoarm und plausibel – bei Schluckstörung oder ausgeprägter kognitiver Beeinträchtigung ist Kaugummi wegen der Aspirationsgefahr jedoch nicht geeignet.

Befeuchten

Regelmäßige, dem Bedürfnis angepasste Befeuchtung von Mundschleimhaut und Lippen. Die S3-Leitlinie Palliativmedizin empfiehlt ausdrücklich, dabei Substanzen zu wählen, die den Gewohnheiten und Vorlieben des Menschen entsprechen – Lieblingsgetränk statt Standardlösung. Praktisch bewährt: Sprühflasche, häufige kleine Mengen, fetthaltiger Lippenbalsam.

In der Sterbephase gilt ausdrücklich nicht die Maxime „viel trinken lassen“: Die Leitlinie stellt die Befeuchtung zur Linderung des Durstgefühls über die künstliche Flüssigkeitszufuhr. Das wird im Alltag häufig missverstanden.

Mund ausspülen nach Kortison-Inhalation

Nach jeder Inhalation eines kortisonhaltigen Sprays: Mund ausspülen, Zähne putzen oder etwas trinken. Ein Spacer bei Dosieraerosolen reduziert die Belastung im Mund-Rachen-Raum zusätzlich, ebenso das Inhalieren vor der Mahlzeit. Wichtig für die Beratung: Wegen dieser Nebenwirkung darf das Kortisonspray keinesfalls weggelassen werden.

Acht Mittel, die nicht empfohlen sind

Der Expertenstandard führt ein eigenes Kapitel zu Maßnahmen, die unterlassen oder vermieden werden sollten. Diese acht stehen namentlich darin – mit Begründung:

Nicht empfohlen Begründung
Schaumstoffstäbchen zur Zahnreinigung Entfernen Zahnbeläge nicht effektiv
Harte Zahnbürsten Können Zahnfleisch und Schleimhäute verletzen
Stark scheuernde Zahnpasten Können Zähne und Zahnersatz schädigen
Nelkenöl (Eugenol) Zytotoxische und gentoxische Wirkung, hohes Allergiepotenzial
Seife oder Spülmittel zur Prothesenreinigung Rückstände irritieren geschmacklich und können schaden
Glyzerinhaltige Produkte Trocknen die Schleimhaut aus und irritieren den Geschmack
Zitronenstäbchen Greifen wegen des Säuregehalts bei Daueranwendung die Zähne an
Butter zum Lösen von Borken Kulturelle und ernährungsbezogene Gründe; zudem könnten Butterstücke Fettembolien auslösen

Der Klassiker unter den Klassikern: das Zitronen-Glycerin-Stäbchen. Es vereint gleich zwei Nichtempfehlungen – Glyzerin trocknet aus, die Säure greift den Zahnschmelz an. Untersuchungen zeigten eine messbare Schmelzerweichung; der kurze anfängliche Speichelreiz wird zudem von einer verstärkten Mundtrockenheit abgelöst. Die Maßnahme kehrt damit ihren eigenen Zweck um. Und Plaque entfernt der Tupferkopf ohnehin nicht.

Drei Mittel, bei denen die Lage differenzierter ist

Kamille. Sie steht nicht auf der Nichtempfehlungsliste des Expertenstandards – die verbreitete Aussage „der Expertenstandard verbietet Kamille“ ist so nicht belegbar. Die S3-Leitlinie Supportive Therapie stuft die Evidenz als unzureichend ein, und zwar für eine Empfehlung ebenso wie für eine Warnung. Die austrocknende Wirkung durch den Gerbstoffanteil wird in der deutschen Fachliteratur durchgängig beschrieben, eine belastbare Primärstudie dazu gibt es nicht. Hinzu kommt: Kamille ist ein relevantes Kontaktallergen. Fazit: keine erste Wahl – aber ein pauschales Verbot ist nicht belegt.

Wasserstoffperoxid. Unverdünnt hat es in der Mundpflege nichts zu suchen. Untersuchungen an gesunder Mundschleimhaut zeigten signifikante Veränderungen; Konzentrationen über drei Prozent können Verätzungen und weiße Läsionen verursachen. In niedriger Konzentration in Zahnpasten und Mundspülungen gilt es als sicher. Der Einsatz gehört in zahnärztliche Hand.

Chlorhexidin. Es ist ein Arzneimittel mit begrenzter Anwendungsdauer, kein Mundpflegemittel für den Dauergebrauch. Bekannte Nebenwirkungen sind bräunliche Verfärbungen an Zähnen, Zunge und Zahnersatz, Geschmacksstörungen und eine Störung der Mundflora; eine Anwendung über zwei Wochen hinaus sollte zahnärztlich abgestimmt sein. In der Intensivmedizin sind zusätzlich Sicherheitssignale beschrieben – ein Cochrane-Review fand eine wahrscheinliche Senkung beatmungsassoziierter Pneumonien ohne Mortalitätsvorteil, andere Auswertungen berichten über eine erhöhte Sterblichkeit bei bestimmten Patientengruppen und eine unerwartet hohe Rate oraler Schleimhautläsionen.

Kurzcheck Mundinspektion

Diese Übersicht lässt sich direkt ausdrucken und in die Pflegedokumentation übernehmen.

Was Unauffällig Auffällig – Handlungsbedarf
Speichel fließend, wässrig zäh, fadenziehend oder fehlend (Spatel bleibt trocken) → Befeuchtung, Ursachensuche, Medikamentencheck
Lippen weich, glatt, feucht rissig, borkig, Rhagaden in den Mundwinkeln → Lippenpflege, Soorverdacht prüfen
Zunge rosa, leicht rau, feucht belegt, hochrot, glatt-atroph, brennend → ärztlich vorstellen
Schleimhaut Wange und Gaumen rosa, feucht, intakt weiße abstreifbare Beläge, gerötete Areale, Ulzera → ärztlich vorstellen
Zahnfleisch rosa, fest gerötet, geschwollen, blutend → zahnärztlich abklären
Zähne / Prothese sauber, fester Sitz Beläge, Karies, Druckstellen, wackelnder Sitz → zahnärztlich abklären
Ohrspeicheldrüse unauffällig Schwellung vor dem Ohr, abstehendes Ohrläppchen, Kauschmerz, eitriges Sekret → sofort ärztlich

Fallbeispiel: Herr Baumgart, 79 Jahre

Herr Baumgart lebt im Pflegeheim, trägt eine Oberkiefer-Vollprothese und nimmt seit Jahren ein Antidepressivum sowie ein Diuretikum. Nach einer Bronchitis erhielt er zehn Tage ein Antibiotikum und inhaliert seither zusätzlich ein kortisonhaltiges Spray.

Im Frühdienst berichtet er, das Essen schmecke „komisch“ und die Prothese drücke seit ein paar Tagen. Beim Blick in den Mund zeigt sich kein weißer Belag – aber der Gaumen unter der Prothese ist deutlich flächig gerötet, die Zunge glatt und trocken, der Zungenspatel bleibt beim Test kaum feucht.

Die Pflegefachkraft ordnet das ein: gerötete, brennende Schleimhaut ohne Beläge unter einer Prothese, dazu drei Risikofaktoren gleichzeitig – Antibiotikatherapie, inhalatives Kortison, xerogene Dauermedikation. Das passt zur erythematösen Form der Candidose. Sie informiert den Hausarzt mit genau dieser Beschreibung, nicht mit einer Verdachtsdiagnose.

Parallel wird ohne ärztliche Anordnung das getan, was pflegerische Aufgabe ist: Prothese nachts trocken lagern statt im Wasserglas, Reinigung mit Zahnpasta statt Seife, Mundspülen nach jeder Inhalation, Befeuchtung mit seinem geliebten Pfefferminztee statt mit einer Standardlösung – und die Zitronenstäbchen, die noch im Schrank stehen, kommen nicht zum Einsatz.

Beobachten und dokumentieren

  • Ergebnis des Screenings und Datum der nächsten geplanten Wiederholung
  • Befund der Mundinspektion – beschreibend, nicht wertend: Lokalisation, Ausdehnung, Farbe, Abstreifbarkeit
  • Speichelsituation und die xerogene Dauermedikation
  • Durchgeführte Maßnahmen mit Frequenz, einschließlich Prothesenhandling
  • Beteiligte Berufsgruppen: zahnärztliche Vorstellung, ärztliche Rücksprache
  • Wirkung im Verlauf – sonst lässt sich weder Besserung noch Verschlechterung belegen

Die Mundgesundheit gehört fest in die Pflegeplanung. In der Systematik der AEDL nach Krohwinkel berührt sie gleich mehrere Aktivitäten – „Sich pflegen“, „Essen und Trinken“ und „Kommunizieren“. Bei Menschen mit Schluckstörung ist die Mundpflege zugleich ein Baustein der Pneumonieprävention; die Zusammenhänge dazu finden Sie im Beitrag zur Aspirationsprophylaxe.

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Häufige Fragen zur Soor- und Parotitisprophylaxe

Welche Maßnahmen gehören zur Soor- und Parotitisprophylaxe?

Zentral sind die regelmäßige Mundinspektion, die Zahn- und Prothesenpflege mit weicher Zahnbürste und fluoridhaltiger Zahnpasta möglichst zweimal täglich, das Befeuchten von Schleimhaut und Lippen, die Anregung des Speichelflusses durch Kauen sowie das Ausspülen des Mundes nach Kortison-Inhalation. Besondere Aufmerksamkeit gilt Menschen mit Sauerstofftherapie und Nahrungskarenz, weil dort Speichelfluss und Selbstreinigung entfallen.

Woran erkenne ich Mundsoor?

Bei der pseudomembranösen Form zeigen sich weiße, teils abstreifbare Beläge; nach dem Abstreifen bleibt eine gerötete, leicht blutende Fläche zurück, oft begleitet von Brennen, Geschmacksstörungen und eingerissenen Mundwinkeln. Die erythematöse Form zeigt dagegen keine Beläge, sondern nur gerötete, brennende Areale – sie wird laut Leitlinie leicht übersehen, besonders am Gaumen unter einer Prothese. Restlos abwischbare Beläge ohne Rötung darunter sind meist Speisereste; nicht abwischbare weiße Areale gehören zahnärztlich abgeklärt.

Warum sind Zitronen-Glycerin-Stäbchen nicht mehr zu empfehlen?

Der Expertenstandard führt sowohl glyzerinhaltige Produkte als auch Zitronenstäbchen ausdrücklich als nicht empfohlen: Glyzerin trocknet die Schleimhaut aus und irritiert den Geschmack, die Säure greift bei Daueranwendung den Zahnschmelz an. Untersuchungen zeigten eine messbare Schmelzerweichung, und der kurze anfängliche Speichelreiz wird von verstärkter Mundtrockenheit abgelöst. Plaque entfernt der Tupferkopf zudem nicht wirksam.

Wie hängen Mundtrockenheit und Parotitis zusammen?

Speichel spült den Ausführungsgang der Ohrspeicheldrüse kontinuierlich frei. Ist der Speichelfluss vermindert, können Bakterien aus der Mundhöhle rückwärts über den Gang in die Drüse aufsteigen und dort eine Entzündung auslösen. Zusätzlich wird der Speichel zähflüssiger, was Speichelsteine begünstigt, die die Infektion unterhalten. Die Ohrspeicheldrüse ist besonders betroffen, weil ihr Speichel eine geringere bakteriostatische Aktivität hat als der der Unterkieferspeicheldrüse.

Muss man nach dem Inhalieren von Kortison den Mund ausspülen?

Ja. Die Nationale VersorgungsLeitlinie Asthma nennt ausdrücklich: nach dem Inhalieren den Mund ausspülen, Zähne putzen oder etwas trinken. Hintergrund ist der im Mund-Rachen-Raum verbleibende Wirkstoffanteil, der einen Mundsoor begünstigen kann. Ein Spacer bei Dosieraerosolen und das Inhalieren vor der Mahlzeit reduzieren die Belastung zusätzlich – das Kortisonspray selbst darf deswegen keinesfalls weggelassen werden.

Hilft Kaugummikauen gegen Soor und Parotitis?

Kauen ist der stärkste physiologische Speichelreiz, und systematische Übersichten belegen, dass zuckerfreier Kaugummi die Speichelflussrate bei erhaltener Restsekretion steigert. Ein belastbarer Nachweis, dass dadurch Mundsoor oder Parotitis verhindert werden, fehlt jedoch. Die Maßnahme ist risikoarm und plausibel, ist aber bei Schluckstörungen oder ausgeprägter kognitiver Beeinträchtigung wegen der Aspirationsgefahr nicht geeignet.

Wie unterscheidet sich eine bakterielle Parotitis von Mumps?

Die bakterielle Parotitis setzt rasch ein, ist häufig einseitig und lässt bei Druck auf die Drüse eitriges Sekret austreten; betroffen sind meist ältere, mangelernährte oder pflegebedürftige Menschen. Mumps entwickelt sich nach zwei bis drei Wochen Inkubationszeit, verläuft meist beidseitig, das Sekret ist serös, und betroffen sind vor allem Ungeimpfte. Mumps ist nach dem Infektionsschutzgesetz bereits bei Verdacht namentlich meldepflichtig – die Abklärung ist in jedem Fall ärztliche Aufgabe.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP): Expertenstandard Förderung der Mundgesundheit in der Pflege. Osnabrück, Januar 2023 (Stand des Standards: August 2021)
  • Deutschsprachige Mykologische Gesellschaft / Paul-Ehrlich-Gesellschaft: S1-Leitlinie Diagnose und Therapie von Candida-Infektionen. AWMF-Registernummer 082-005, Stand 07/2020 – seit 30.07.2025 abgelaufen, derzeit in Überarbeitung
  • Leitlinienprogramm Onkologie: S3-Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen. AWMF 032-054OL, Version 2.1, Juni 2026
  • Leitlinienprogramm Onkologie: S3-Leitlinie Palliativmedizin für Patient:innen mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung. AWMF 128-001OL, Version 3.0, Juli 2026
  • BÄK / KBV / AWMF: Nationale VersorgungsLeitlinie Asthma. Version 5.0, August 2024
  • Ludwig E.: SOP Mundhygiene in der Pflege – Teil 2: Zahn-, Mund- und Zahnprothesenpflege. Zahnmedizin up2date 2024; 18: 13–20
  • Zhao T. et al.: Oral hygiene care for critically ill patients to prevent ventilator-associated pneumonia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2020


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