Ein Dekubitus ist bei guter Prophylaxe in vielen Fällen vermeidbar – wenn auch nicht in jedem Einzelfall. Genau das macht ihn zu einem der wichtigsten Themen der Pflege. Wer versteht, wie ein Druckgeschwür entsteht, welche Grade es gibt und wer besonders gefährdet ist, erkennt die Gefahr früh und schützt mit gezielter Prophylaxe Haut, Gesundheit und Lebensqualität. Dieser Leitfaden gibt dir den kompletten Überblick: von der Definition über die Dekubitus-Grade bis zu den wirksamsten Maßnahmen.
Inhaltsverzeichnis
- Was ist ein Dekubitus?
- Wie entsteht ein Dekubitus?
- Die Dekubitus-Grade im Überblick
- Wo entsteht ein Dekubitus? Die Prädilektionsstellen
- Dekubitusrisiko erkennen
- Dekubitusprophylaxe: die wichtigsten Maßnahmen
- Der Expertenstandard Dekubitusprophylaxe
- Wichtige Erkenntnisse zum Dekubitus
- Häufig gestellte Fragen
- Mach Dekubitusprophylaxe zu deiner fachlichen Stärke
Du erfährst, wie ein Dekubitus entsteht, wie die vier Grade definiert sind und mit welchen Maßnahmen du Druckgeschwüren wirksam vorbeugst. So kannst du Risiken früh erkennen und gezielt handeln – fachlich fundiert und nah am Expertenstandard.
Was ist ein Dekubitus?
Ein Dekubitus – umgangssprachlich Druckgeschwür oder Wundliegen – ist eine lokal begrenzte Schädigung der Haut und des darunterliegenden Gewebes. Sie entsteht typischerweise über knöchernen Vorsprüngen, infolge von anhaltendem Druck oder von Druck in Verbindung mit Scherkräften.
Vereinfacht gesagt: Lastet zu lange zu viel Druck auf einer Hautstelle, wird das Gewebe nicht mehr ausreichend durchblutet. Die unterversorgten Zellen sterben ab – eine Wunde entsteht.
Besonders gefährdet sind Menschen, die sich nicht mehr selbstständig bewegen können und viel liegen oder sitzen. Genau deshalb ist der Dekubitus ein zentrales pflegerisches Thema: Das vorhandene Wissen zeigt, dass seine Entstehung weitgehend verhindert werden kann – auch wenn es Ausnahmen gibt, etwa in lebensbedrohlichen Situationen, bei anderen pflegerischen Prioritäten oder bei der informierten Entscheidung des Menschen selbst.
Anwendung:
– Verstehe Dekubitus als Folge von Druck und Zeit – beide Faktoren kannst du beeinflussen.
– Richte besondere Aufmerksamkeit auf bewegungseingeschränkte Menschen.
– Betrachte Dekubitusprophylaxe als vermeidbare, planbare Pflegeaufgabe.
Wie entsteht ein Dekubitus?
Für die Entstehung eines Dekubitus sind im Kern zwei Faktoren entscheidend: die Höhe des Drucks und die Dauer, über die er einwirkt. Schon mäßiger Druck kann schaden, wenn er nur lange genug anhält – und hoher Druck schon in kurzer Zeit.
Hinzu kommen Scherkräfte, die etwa entstehen, wenn ein Mensch im Bett nach unten rutscht und die Hautschichten gegeneinander verschoben werden. Auch Feuchtigkeit, zum Beispiel durch Schwitzen oder Inkontinenz, macht die Haut anfälliger.
Der Mechanismus dahinter: Anhaltender Druck presst die kleinen Blutgefäße zusammen. Das Gewebe wird nicht mehr mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, Stoffwechselprodukte stauen sich an – und ohne rechtzeitige Entlastung stirbt das Gewebe ab.
Anwendung:
– Reduziere sowohl die Druckhöhe als auch die Druckdauer.
– Achte auf Scherkräfte beim Lagern und Transferieren.
– Halte die Haut trocken und gepflegt.
Die Dekubitus-Grade im Überblick
Um einen Dekubitus zu beurteilen und zu dokumentieren, wird er nach Tiefe und Gewebeschädigung eingeteilt. Der Expertenstandard empfiehlt die international gebräuchliche Klassifikation nach EPUAP, NPIAP und PPPIA.
Ein Hinweis zur Begrifflichkeit: Fachlich wird heute die neutrale Bezeichnung Kategorie empfohlen, weil die früheren Begriffe „Grad“ oder „Stadium“ fälschlich einen festen Verlauf nahelegen. In der Praxis sind „Grad“ und „Stadium“ aber weiterhin gebräuchlich.
| Grad / Kategorie | Kennzeichen |
|---|---|
| Grad 1 | Intakte Haut mit einer Rötung, die sich nicht wegdrücken lässt – meist über einem Knochenvorsprung |
| Grad 2 | Teilverlust der Haut: ein flaches, offenes Geschwür oder eine intakte bzw. geöffnete Blase |
| Grad 3 | Verlust aller Hautschichten, das Unterhautfettgewebe kann sichtbar sein – Knochen und Sehnen liegen aber nicht frei |
| Grad 4 | Vollständiger Gewebeverlust mit freiliegenden Knochen, Sehnen oder Muskeln |
Ergänzend gibt es zwei Sonderkategorien, die nicht beziffert werden: einen Dekubitus, dessen Tiefe wegen Belägen nicht beurteilbar ist, sowie die vermutete tiefe Gewebeschädigung bei noch intakter, aber verfärbter Haut.
Anwendung:
– Dokumentiere den Befund präzise nach Grad bzw. Kategorie.
– Nutze den Fingertest zur Früherkennung bei jeder Rötung.
– Verstehe die Grade nicht als zwingenden Verlauf, sondern als Momentaufnahme.
Wo entsteht ein Dekubitus? Die Prädilektionsstellen
Ein Dekubitus entsteht bevorzugt dort, wo Knochen dicht unter der Haut liegen und der Druck besonders hoch ist. Diese typischen Stellen solltest du regelmäßig kontrollieren.
Im Liegen sind das vor allem das Kreuz- und Steißbein, die Fersen, die Schulterblätter, der Hinterkopf und die Ellenbogen. In Seitenlage kommen die Hüfte (großer Rollhügel), die Knöchel und die Ohren hinzu. Im Sitzen sind besonders die Sitzbeinhöcker und erneut das Steißbein gefährdet.
Welche Stellen im Einzelfall am stärksten belastet sind, hängt von der bevorzugten Position des Menschen ab. Genau diese individuellen Druckpunkte gilt es zu kennen und zu entlasten.
Anwendung:
– Kontrolliere die Prädilektionsstellen bei jeder Körperpflege.
– Berücksichtige die bevorzugte Liege- und Sitzposition des Menschen.
– Entlaste die Fersen gezielt – sie werden oft übersehen.
Dekubitusrisiko erkennen
Der erste Schritt jeder Prophylaxe ist das Erkennen des individuellen Risikos. Der wichtigste Risikofaktor ist eine eingeschränkte Mobilität und Aktivität – wer sich kaum noch selbst bewegt, kann den Druck nicht eigenständig entlasten.
Weitere Risikofaktoren sind Sensibilitätsstörungen, bei denen Druck und Schmerz nicht mehr wahrgenommen werden, anhaltende Feuchtigkeit durch Inkontinenz, ein schlechter Ernährungs- und Flüssigkeitszustand, Durchblutungsstörungen sowie ein bereits abgeheilter Dekubitus in der Vorgeschichte.
Zur Einschätzung kennst du vielleicht Skalen wie Braden oder Norton. Der Expertenstandard empfiehlt solche Skalen jedoch nicht als routinemäßiges Entscheidungsinstrument, sondern stellt die individuelle fachliche Einschätzung in den Vordergrund: Entscheidend ist dein klinischer Blick, nicht allein ein Punktwert. Grundsätzlich gilt, bei jeder relevanten Zustandsänderung neu einzuschätzen; als praktische Faustregel hat sich eine erneute Einschätzung nach etwa 24 bis 48 Stunden bewährt. Auch ein nicht vorhandenes Risiko gehört dokumentiert.
Anwendung:
– Schätze das Risiko bei Aufnahme und bei jeder Zustandsänderung ein.
– Verlasse dich auf deine fachliche Beurteilung statt allein auf Skalenwerte.
– Dokumentiere die Einschätzung – auch ein fehlendes Risiko.
Dekubitusprophylaxe: die wichtigsten Maßnahmen
Ist das Risiko erkannt, leitest du gezielte Maßnahmen ab. Im Zentrum steht ein Grundsatz: Druck reduzieren und verteilen – und Bewegung fördern.
Bewegungsförderung ist die wichtigste Maßnahme. Jede Eigenbewegung entlastet das Gewebe. Deshalb steht heute nicht mehr das starre Umlagern nach festem Zeitplan im Vordergrund, sondern das Fördern und Anregen jeder noch möglichen Eigenbewegung sowie die Mobilisation.
Druckentlastung und Druckverteilung ergänzen die Bewegungsförderung: regelmäßige Positionswechsel, druckverteilende Lagerungen wie die schräge 30-Grad-Lagerung, das Freilagern der Fersen und – wo nötig – druckverteilende Hilfsmittel wie spezielle Matratzen oder Kissen.
Hautbeobachtung und Hautpflege gehören zu jeder Prophylaxe: die gefährdeten Stellen regelmäßig inspizieren, den Fingertest nutzen, die Haut trocken halten und schonend pflegen.
Ernährung spielt eine Rolle, vor allem für den Allgemeinzustand und die Gewebestabilität. Achte auf eine ausreichende Nährstoff- und Flüssigkeitszufuhr – wobei der direkte vorbeugende Effekt einzelner Ernährungsmaßnahmen oder Nahrungsergänzungen wissenschaftlich nur begrenzt belegt ist.
Hinzu kommt die Information und Beratung des Menschen und seiner Angehörigen, damit alle Beteiligten zur Vorbeugung beitragen können.
Anwendung:
– Stelle Bewegungsförderung an die erste Stelle.
– Kombiniere Lagerung, Hilfsmittel, Hautpflege und Ernährung zu einem individuellen Konzept.
– Bezieh Angehörige aktiv in die Prophylaxe ein.
Der Expertenstandard Dekubitusprophylaxe
Die fachliche Grundlage bildet der Expertenstandard „Dekubitusprophylaxe in der Pflege“ in der 2. Aktualisierung 2017, herausgegeben vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP).
Sein Ziel ist klar formuliert: Jeder dekubitusgefährdete Mensch erhält eine Prophylaxe, die die Entstehung eines Dekubitus verhindert. Der Standard beschreibt das Vorgehen von der Risikoeinschätzung über die Maßnahmenplanung und Beratung bis zur regelmäßigen Überprüfung – und betont dabei die Bewegungsförderung sowie die individuelle fachliche Einschätzung.
Wie alle Expertenstandards gilt er als anerkannter Stand der pflegewissenschaftlichen Erkenntnisse. Einen Gesamtüberblick findest du in unserem Beitrag zu den Expertenstandards in der Pflege; thematisch eng verwandt ist außerdem die Sturzprophylaxe.
Anwendung:
– Arbeite immer mit der aktuellen Fassung des Expertenstandards.
– Überprüfe die Wirksamkeit deiner Maßnahmen regelmäßig.
– Dokumentiere Einschätzung, Maßnahmen und Hautbefunde nachvollziehbar.
Wichtige Erkenntnisse zum Dekubitus
- Weitgehend vermeidbar: Ein Dekubitus lässt sich bei adäquater Prophylaxe in vielen Fällen verhindern – Ausnahmen sind möglich.
- Druck und Zeit: Beide Faktoren entscheiden über die Entstehung – und beide lassen sich beeinflussen.
- Vier Grade: Die Einteilung reicht von der nicht-wegdrückbaren Rötung (Grad 1) bis zum freiliegenden Knochen (Grad 4).
- Bewegung zuerst: Bewegungsförderung ist die wirksamste Maßnahme der Prophylaxe.
- Früh erkennen: Der Fingertest hilft, einen beginnenden Dekubitus rechtzeitig zu entdecken.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist ein Dekubitus?
Ein Dekubitus ist eine lokal begrenzte Schädigung der Haut und des darunterliegenden Gewebes, die durch anhaltenden Druck oder Druck in Verbindung mit Scherkräften entsteht. Umgangssprachlich spricht man von Druckgeschwür oder Wundliegen.
Welche Dekubitus-Grade gibt es?
Es werden vier Grade bzw. Kategorien unterschieden: Grad 1 (nicht-wegdrückbare Rötung bei intakter Haut), Grad 2 (Teilverlust der Haut, Blase oder flaches Geschwür), Grad 3 (Verlust aller Hautschichten) und Grad 4 (Gewebeverlust mit freiliegenden Knochen, Sehnen oder Muskeln). Hinzu kommen zwei nicht bezifferte Sonderkategorien.
Wie entsteht ein Dekubitus?
Ein Dekubitus entsteht, wenn anhaltender Druck – oft kombiniert mit Scherkräften – die Durchblutung der Haut unterbricht. Das unterversorgte Gewebe stirbt ab. Entscheidend sind die Höhe des Drucks und die Dauer, über die er einwirkt.
Wo entsteht ein Dekubitus am häufigsten?
Besonders gefährdet sind Stellen, an denen Knochen dicht unter der Haut liegen: Kreuz- und Steißbein, Fersen, Sitzbeinhöcker, Hüfte, Knöchel, Ellenbogen, Schulterblätter und Hinterkopf.
Was ist der Fingertest beim Dekubitus?
Beim Fingertest drückst du kurz auf eine gerötete Hautstelle. Wird sie weiß und rötet sich danach wieder, ist die Durchblutung intakt. Bleibt die Rötung beim Druck bestehen, ist das ein Warnzeichen für einen beginnenden Dekubitus Grad 1.
Wie beugt man einem Dekubitus vor?
Die wichtigste Maßnahme ist die Bewegungsförderung. Hinzu kommen Druckentlastung durch Positionswechsel und Hilfsmittel, regelmäßige Hautbeobachtung, gute Hautpflege, eine ausreichende Ernährung sowie die Beratung von Betroffenen und Angehörigen.
Welcher Expertenstandard gilt für die Dekubitusprophylaxe?
Maßgeblich ist der Expertenstandard „Dekubitusprophylaxe in der Pflege“ in der 2. Aktualisierung 2017 des DNQP. Er gilt als anerkannter Stand der pflegewissenschaftlichen Erkenntnisse.
Mach Dekubitusprophylaxe zu deiner fachlichen Stärke
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