Sie sollen das Dekubitusrisiko einschätzen – und stehen vor einem Bogen mit sechs Kriterien und Punktwerten, die auf den ersten Blick wenig über den Menschen im Bett verraten. Die Braden-Skala ist das weltweit am häufigsten eingesetzte Instrument zur Risikoeinschätzung. Richtig verstanden ist sie kein Formular zum Abhaken, sondern eine strukturierte Art, genauer hinzusehen.
Dieser Beitrag zeigt Ihnen alle sechs Kriterien mit ihren Punktwerten, die gebräuchlichen Risikogrenzen und – ebenso wichtig – die Grenzen der Skala, die der Expertenstandard des DNQP ausdrücklich benennt.
Inhaltsverzeichnis
- Was ist die Braden-Skala?
- Die sechs Kriterien im Detail
- Punktwerte und Risikogrenzen
- Fallbeispiel: Frau Kern, 84 Jahre
- Was der Expertenstandard dazu sagt
- Fünf typische Anwendungsfehler
- Braden oder Norton – welche Skala wann?
- Häufige Fragen
- Quellen
Was ist die Braden-Skala?
Die Braden-Skala ist ein Assessmentinstrument zur Einschätzung des Dekubitusrisikos. Sie bewertet sechs Faktoren, die gemeinsam darüber entscheiden, wie wahrscheinlich ein Druckgeschwür entsteht – und ergibt einen Summenwert zwischen 6 und 23 Punkten. Je niedriger der Wert, desto höher das Risiko.
Entwickelt wurde sie 1987 von den US-amerikanischen Pflegewissenschaftlerinnen Barbara Braden und Nancy Bergstrom. Ihr Ansatz unterscheidet sich von älteren Skalen darin, dass er zwei Wirkmechanismen trennt: Faktoren, die den Druck erhöhen (Mobilität, Aktivität, sensorisches Empfindungsvermögen), und Faktoren, die die Gewebetoleranz senken (Feuchtigkeit, Ernährung, Reibung und Scherkräfte).
Diese Trennung ist der eigentliche Wert der Skala: Sie zeigt Ihnen nicht nur ob ein Risiko besteht, sondern woher es kommt – und damit, welche Maßnahme greift.
Die sechs Kriterien im Detail
Fünf Kriterien werden mit 1 bis 4 Punkten bewertet, das sechste – Reibung und Scherkräfte – mit 1 bis 3 Punkten. Daraus ergibt sich der Wertebereich von 6 bis 23.
| Kriterium | Was bewertet wird | Punkte |
|---|---|---|
| Sensorisches Empfindungsvermögen | Fähigkeit, auf druckbedingte Beschwerden zu reagieren – also Schmerz zu spüren und ihn mitteilen zu können | 1–4 |
| Feuchtigkeit | Ausmaß, in dem die Haut Feuchtigkeit ausgesetzt ist (Schweiß, Urin, Stuhl, Wundexsudat) | 1–4 |
| Aktivität | Ausmaß der körperlichen Aktivität – bettlägerig, sitzend, gelegentliches oder regelmäßiges Gehen | 1–4 |
| Mobilität | Fähigkeit, die Position selbstständig zu wechseln und zu kontrollieren | 1–4 |
| Ernährung | Übliches Ernährungsverhalten, Menge der aufgenommenen Nahrung, Eiweißzufuhr | 1–4 |
| Reibung und Scherkräfte | Ausmaß, in dem beim Bewegen Reibung entsteht oder Gewebe verschoben wird | 1–3 |
Aktivität und Mobilität sind nicht dasselbe
Diese beiden Kriterien werden am häufigsten verwechselt. Aktivität beschreibt, wie viel sich jemand im Raum bewegt – geht er, sitzt er, liegt er? Mobilität beschreibt, ob er seine Position im Bett oder Stuhl selbst verändern kann.
Ein Mensch nach Schlaganfall kann im Rollstuhl sitzen und am Tagesgeschehen teilnehmen (Aktivität: 2 Punkte), sich aber im Sitzen nicht entlasten (Mobilität: 1–2 Punkte). Genau diese Kombination ist gefährlich – und die Skala macht sie sichtbar.
Sensorisches Empfindungsvermögen umfasst zwei Fähigkeiten
Bewertet wird nicht nur, ob jemand Druckschmerz spürt, sondern auch, ob er ihn mitteilen kann. Ein Mensch mit fortgeschrittener Demenz oder Aphasie mag den Schmerz durchaus empfinden – wenn er ihn nicht äußern kann, greift der Schutzmechanismus trotzdem nicht.
Anwendung in der Praxis:
- Bewerten Sie jedes Kriterium einzeln und begründet – nicht im Gesamteindruck.
- Beziehen Sie sich auf die letzten 24 bis 48 Stunden, nicht auf einen Momenteindruck.
- Ziehen Sie Kolleginnen aus dem Nachtdienst hinzu: Mobilität im Schlaf sehen Sie tagsüber nicht.
- Dokumentieren Sie bei jedem Kriterium unter 3 Punkten, welche Maßnahme daraus folgt.
Punktwerte und Risikogrenzen
Der Summenwert liegt zwischen 6 Punkten (maximales Risiko) und 23 Punkten (kein erkennbares Risiko). Braden und Bergstrom haben dazu folgende Risikostufen beschrieben:
| Punktwert | Risikoeinstufung | Konsequenz |
|---|---|---|
| ≤ 9 | Sehr hohes Risiko | Engmaschige Bewegungsförderung, Druckverteilung, tägliche Hautinspektion |
| 10–12 | Hohes Risiko | Individueller Bewegungsplan, Hilfsmittel prüfen, Ernährungsstatus erheben |
| 13–14 | Mittleres Risiko | Gezielte Maßnahmen an den schwächsten Kriterien |
| 15–18 | Geringes Risiko | Bei Grenzwert 18: ab 18 abwärts Prophylaxe einleiten. Bei Grenzwert 16: 17–18 Beobachtung und Reassessment, ab 16 abwärts Prophylaxe |
| 19–23 | Kein erkennbares Risiko | Routinemäßige Hautbeobachtung |
Zur Einordnung: Braden und Bergstrom setzten den ursprünglichen Grenzwert bei 16 Punkten an. In Folgeuntersuchungen an älteren Menschen und in Pflegeeinrichtungen erwies sich ein Grenzwert von 18 Punkten als treffsicherer, weil das Risiko in dieser Gruppe früher einsetzt. Beide Grenzwerte sind in Gebrauch.
Das hat eine praktische Folge, die häufig übersehen wird: Wenn in Ihrer Einrichtung der Grenzwert 18 gilt, ist der Bereich 15 bis 18 Punkte nicht der Bereich „nur beobachten“ – dort sind bereits prophylaktische Maßnahmen einzuleiten. Prüfen Sie deshalb, welchen Grenzwert Ihr Pflegestandard festlegt. Die Zahl allein sagt ohne diesen Bezug wenig aus.
Nicht geeignet für Kinder: Die Braden-Skala ist für Erwachsene validiert. Für Kinder und Jugendliche steht mit der Braden-Q-Skala eine eigens angepasste Fassung zur Verfügung.
💡 Tipp aus der Praxis
Der Summenwert ist die unwichtigste Zahl auf dem Bogen. Aussagekräftig sind die Einzelwerte: Zwei Bewohner mit je 14 Punkten können völlig unterschiedliche Maßnahmen brauchen – der eine wegen Immobilität, der andere wegen Inkontinenz und Mangelernährung. Planen Sie entlang der schwächsten Kriterien, nicht entlang der Summe.
Fallbeispiel: Frau Kern, 84 Jahre
Frau Kern lebt seit einem Oberschenkelhalsbruch im Pflegeheim. Sie sitzt tagsüber im Sessel, kann sich mit Unterstützung umsetzen, ist zeitlich orientiert und äußert Beschwerden deutlich. Seit vier Wochen isst sie schlecht, sie hat 3 kg verloren. Nachts ist sie gelegentlich urininkontinent.
| Kriterium | Einschätzung | Punkte |
|---|---|---|
| Sensorisches Empfindungsvermögen | Nicht eingeschränkt, äußert Beschwerden | 4 |
| Feuchtigkeit | Gelegentlich feucht, etwa einmal pro Nacht | 3 |
| Aktivität | Sitzt im Sessel, geht nicht selbstständig | 2 |
| Mobilität | Gering eingeschränkt, macht regelmäßig kleine Positionswechsel | 3 |
| Ernährung | Wahrscheinlich unzureichend, Gewichtsverlust | 2 |
| Reibung und Scherkräfte | Potenzielles Problem beim Transfer | 2 |
| Summe | 16 |
Ergebnis: 16 Punkte – damit besteht ein Dekubitusrisiko, und zwar nach beiden gebräuchlichen Grenzwerten: nach dem Grenzwert 18 ebenso wie nach dem ursprünglichen Grenzwert von 16, der als „16 Punkte oder weniger“ definiert ist. Entscheidend ist aber der Blick auf die Einzelwerte: Die drei Zweien bei Aktivität, Ernährung und Reibung/Scherkräfte zeigen, wo anzusetzen ist.
Daraus folgt konkret:
- Ernährungsassessment veranlassen, Gewichtsverlauf engmaschig dokumentieren, Vorlieben erfragen.
- Transfertechnik im Team überprüfen – Ziel: heben statt ziehen, Gleithilfe einsetzen.
- Sitzdauer im Sessel begrenzen und Entlastung anleiten, solange Frau Kern das selbst kann.
- Reassessment nach sieben Tagen, früher bei Verschlechterung.
Was der Expertenstandard dazu sagt
Hier liegt ein Punkt, der in vielen Fortbildungen zu kurz kommt: Der Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege des DNQP empfiehlt keine bestimmte Risikoskala – und er stellt die alleinige Verwendung von Skalen ausdrücklich infrage.
Der Grund ist die Studienlage. Für Braden-, Norton- und andere Skalen ließ sich bislang nicht belegen, dass ihr Einsatz die Dekubitushäufigkeit gegenüber der klinischen Einschätzung erfahrener Pflegefachpersonen senkt. Skalen können das fachliche Urteil strukturieren – ersetzen können sie es nicht.
Für Ihren Alltag bedeutet das zweierlei:
- Die Skala ist ein Hilfsmittel, kein Nachweis. Ein guter Punktwert entbindet Sie nicht von der Hautinspektion und von Ihrer eigenen Einschätzung.
- Ihre fachliche Begründung zählt. Wenn Sie ein Risiko sehen, das die Skala nicht abbildet – etwa ein Medizinprodukt, das auf die Haut drückt, oder eine Gefäßerkrankung – dokumentieren Sie es und handeln danach. Das ist fachlich korrekt und im Sinne des Standards.
Wenn Sie die Grade und Entstehungsmechanismen noch einmal in Ruhe nachlesen möchten, finden Sie beides ausführlich in unserem Beitrag zu Dekubitus: Graden, Entstehung und Prophylaxe.
Fünf typische Anwendungsfehler
- Nur bei Aufnahme erheben. Die Skala bildet einen Zustand ab, der sich ändert. Ein Reassessment gehört bei jeder relevanten Veränderung – Fieber, Operation, neue Medikation, Immobilität – dazu, nicht erst zum Quartalsende.
- Aus dem Gedächtnis ausfüllen. Wer den Bogen am Ende der Schicht aus der Erinnerung ausfüllt, bewertet den Gesamteindruck. Erheben Sie am Menschen, nicht am Schreibtisch.
- Ernährung nach Augenmaß bewerten. Dieses Kriterium wird am häufigsten zu gut eingeschätzt. Ziehen Sie Gewichtsverlauf und tatsächliche Essmengen heran, nicht den Eindruck beim Mittagessen.
- Den Wert erheben, ohne Konsequenzen abzuleiten. Eine Risikoeinschätzung ohne daraus abgeleitete Maßnahme ist Dokumentation ohne Wirkung – und hält keiner Prüfung stand.
- Medizinprodukte übersehen. Sonden, Katheter, Sauerstoffbrillen, Schienen und Kompressionsstrümpfe verursachen einen erheblichen Teil aller Druckschäden. Die Braden-Skala erfasst sie nicht – Ihr Blick muss es tun.
Braden oder Norton – welche Skala wann?
Beide Instrumente verfolgen dasselbe Ziel, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte.
| Braden-Skala | Norton-Skala (erweitert) | |
|---|---|---|
| Kriterien | 6 | 9 |
| Punktebereich | 6–23 | 9–36 |
| Risikogrenze | ≤ 18 (bzw. ≤ 16) | ≤ 25 |
| Stärke | Trennt Druck und Gewebetoleranz, erfasst Ernährung differenziert | Berücksichtigt Alter, Hautzustand und Zusatzerkrankungen |
| Verbreitung | International am weitesten verbreitet | Im deutschsprachigen Raum stark verbreitet |
In der Praxis entscheidet meist der Pflegestandard der Einrichtung, nicht Ihre persönliche Präferenz. Wichtiger als die Wahl des Instruments ist, dass alle im Team es gleich anwenden. Die Details zur Alternative finden Sie in unserem Beitrag zur Norton-Skala.
Häufige Fragen zur Braden-Skala
Wie viele Punkte hat die Braden-Skala?
Die Braden-Skala umfasst sechs Kriterien. Fünf davon werden mit 1 bis 4 Punkten bewertet, das Kriterium Reibung und Scherkräfte mit 1 bis 3 Punkten. Der Summenwert liegt damit zwischen 6 und 23 Punkten. Ein niedriger Wert bedeutet ein hohes Dekubitusrisiko.
Ab wie vielen Punkten besteht ein Dekubitusrisiko?
Im deutschsprachigen Raum gilt üblicherweise ein Wert von 18 Punkten oder weniger als risikobehaftet. Der von Braden und Bergstrom ursprünglich festgelegte Grenzwert lag bei 16 Punkten. Welcher Grenzwert gilt, legt der Pflegestandard der jeweiligen Einrichtung fest.
Was ist der Unterschied zwischen Aktivität und Mobilität?
Aktivität beschreibt das Ausmaß der Fortbewegung – ob jemand geht, sitzt oder bettlägerig ist. Mobilität beschreibt die Fähigkeit, die eigene Körperposition zu verändern und zu kontrollieren. Ein Mensch kann im Rollstuhl sitzen und dennoch unfähig sein, sich selbst zu entlasten.
Wie oft muss die Braden-Skala erhoben werden?
Eine feste Frist gibt es nicht. Die Ersterhebung erfolgt bei Aufnahme, ein Reassessment bei jeder relevanten Zustandsänderung wie Fieber, Operation, veränderter Mobilität oder neuer Medikation. Viele Einrichtungen legen zusätzlich ein festes Intervall fest.
Schreibt der Expertenstandard die Braden-Skala vor?
Nein. Der Expertenstandard Dekubitusprophylaxe des DNQP empfiehlt keine bestimmte Skala und weist darauf hin, dass für Risikoskalen bislang kein Beleg vorliegt, dass sie der klinischen Einschätzung erfahrener Pflegefachpersonen überlegen sind. Die Skala strukturiert das fachliche Urteil, ersetzt es aber nicht.
Erfasst die Braden-Skala Druckschäden durch Medizinprodukte?
Nein. Druckstellen durch Sonden, Katheter, Sauerstoffbrillen, Schienen oder Kompressionsstrümpfe werden von der Skala nicht abgebildet. Sie müssen bei der Hautinspektion gesondert beachtet und dokumentiert werden.
Quellen und weiterführende Literatur
- Bergstrom N, Braden BJ, Laguzza A, Holman V: The Braden Scale for Predicting Pressure Sore Risk. Nursing Research, 1987
- Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP): Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege
- Curley MAQ et al.: Braden Q Scale – Risikoeinschätzung bei Kindern
