Eine gerötete, nässende Hautfalte entsteht nicht über Nacht – und sie entsteht fast nie ohne Vorwarnung. Intertrigo, das Wundsein in Hautfalten, gehört zu den Hautschäden, die sich mit wenigen konsequenten Handgriffen zuverlässig verhindern lassen. Vorausgesetzt, man schaut dort hin, wo man beim Waschen schnell hinweggeht.
Dieser Beitrag zeigt Ihnen, wo Intertrigo entsteht, welche Maßnahmen fachlich empfohlen sind – und welche drei verbreiteten Gewohnheiten der Haut mehr schaden als nützen.
Inhaltsverzeichnis
- Was ist Intertrigo?
- Wie Intertrigo entsteht
- Die typischen Risikostellen
- Wer besonders gefährdet ist
- Wirksame Maßnahmen
- Drei Maßnahmen, die schaden
- Wenn ein Pilz dazukommt
- Abgrenzung: Intertrigo, IAD oder Dekubitus?
- Beobachten und dokumentieren
- Häufige Fragen
- Quellen
Was ist Intertrigo?
Intertrigo – umgangssprachlich Wundsein oder Hautwolf – ist eine entzündliche Hautveränderung in Bereichen, in denen zwei Hautflächen aufeinanderliegen. Der Begriff stammt vom lateinischen inter (zwischen) und terere (reiben).
Typisch ist eine spiegelbildliche Rötung: Sie zeigt sich auf beiden Seiten der Falte, weil beide Hautflächen denselben Bedingungen ausgesetzt sind. Betroffene berichten von Brennen, Juckreiz und Schmerzen – Beschwerden, die den Alltag erheblich belasten, aber selten von sich aus angesprochen werden.
Wie Intertrigo entsteht
Drei Faktoren wirken in der Hautfalte zusammen:
- Feuchtigkeit. Schweiß kann nicht verdunsten und weicht die Hornschicht auf. Die aufgequollene Haut verliert ihre Barrierefunktion.
- Wärme. In der Falte staut sich Körperwärme. Das feucht-warme Klima begünstigt die Vermehrung von Hefepilzen und Bakterien.
- Reibung. Bei jeder Bewegung reiben die aufgeweichten Hautflächen aneinander und verletzen die oberste Schicht.
Entscheidend ist die Reihenfolge: Zuerst kommt die Feuchtigkeit, dann der Schaden. Wer die Falte trocken hält, unterbricht die Kette an der wirksamsten Stelle – und genau darauf zielt jede Prophylaxe.
Die typischen Risikostellen
| Körperregion | Besonders gefährdet bei |
|---|---|
| Unter der Brust (submammär) | Großer Brust, Adipositas, Bettlägerigkeit |
| Leistenregion (inguinal) | Inkontinenz, Adipositas, Schwitzen |
| Achselhöhlen (axillär) | Fieber, starkem Schwitzen, eingeschränkter Armbewegung |
| Bauchfalten | Adipositas, Aszites, liegender Position |
| Gesäßfalte (analgluteal) | Inkontinenz, Immobilität, Diarrhö |
| Zwischen den Zehen (interdigital) | Diabetes, Fußfehlstellungen, luftundurchlässigem Schuhwerk |
| Halsfalten | Adipositas, gebeugter Kopfhaltung, Speichelfluss |
💡 Tipp aus der Praxis
Die Zehenzwischenräume sind die am häufigsten übersehene Risikostelle – besonders bei Menschen mit Diabetes, die den beginnenden Schaden womöglich nicht spüren. Nehmen Sie sie fest in Ihre tägliche Inspektion auf, gemeinsam mit den Fersen.
Wichtig bei Diabetes: Keine eigenmächtige Fußpflege, kein Schneiden, kein Hornhautentfernen. Jede Läsion am diabetischen Fuß – auch eine scheinbar harmlose Rötung zwischen den Zehen – wird umgehend ärztlich vorgestellt.
Wer besonders gefährdet ist
- Menschen mit Adipositas – mehr und tiefere Falten, stärkere Schweißbildung
- Menschen mit Inkontinenz – dauerhafte Feuchtigkeitsbelastung, zusätzlich chemische Reizung durch Urin und Stuhl
- Menschen mit Diabetes mellitus – erhöhte Infektanfälligkeit, häufig verminderte Sensibilität
- Immobile Menschen – Falten bleiben über Stunden geschlossen, keine Belüftung
- Menschen mit Fieber oder starkem Schwitzen – akut erhöhte Feuchtigkeitsbelastung
- Menschen mit Immunsuppression – höheres Risiko für eine Besiedlung mit Hefepilzen
Wirksame Maßnahmen
1. Trocknen statt reiben
Nach dem Waschen die Falte tupfend trocknen, nicht rubbeln. Die aufgeweichte Haut ist verletzlich – Reiben entfernt genau die Schicht, die Sie schützen wollen. Ein weiches Handtuch, sanfter Druck, und die Falte vollständig öffnen, damit auch der Grund trocken wird.
2. Luft an die Haut lassen
Die wirksamste Maßnahme kostet nichts: Falten für einige Minuten offen halten. Bei bettlägerigen Menschen lässt sich das mit der Positionierung verbinden – etwa den Arm abspreizen, die Brust anheben, die Beine leicht abduzieren.
3. Atmungsaktive Materialien einlegen
Wenn eine Falte nicht offen bleiben kann, gehört ein Material hinein, das Feuchtigkeit aufnimmt und abgibt. Geeignet sind dünne Baumwoll- oder Leinenstreifen sowie spezielle textile Einlagen für Hautfalten, teils mit antimikrobieller Ausrüstung.
Wichtig: Das Material muss regelmäßig gewechselt werden – ein durchfeuchteter Streifen verschlechtert die Lage.
4. Kleidung und Hilfsmittel prüfen
- Atmungsaktive Materialien statt Kunstfaser, locker sitzend statt eng
- Nähte und Bündchen prüfen: Drücken sie in die Falte?
- Inkontinenzmaterial passgenau wählen und zeitnah wechseln
- Bei Zehenzwischenräumen: luftdurchlässiges Schuhwerk, Baumwollsocken
5. Hautschutz gezielt einsetzen
Bei gefährdeter, aber intakter Haut kann ein Hautschutzprodukt sinnvoll sein. Erste Wahl sind atmungsaktive Hautschutzfilme, die eine dünne, durchlässige Barriere bilden.
Zinkoxid-Zubereitungen sind deckend und wirken bei flächigem Auftrag okklusiv. Sie kommen deshalb nur punktuell und hauchdünn an einer begrenzten, besonders belasteten Stelle infrage – nicht als Pastenschicht über die ganze Falte. Der Grundsatz lautet: so wenig wie möglich, so dünn wie möglich.
6. Grunderkrankungen mitdenken
Ein gut eingestellter Blutzucker, ein wirksames Kontinenzmanagement und die Behandlung von Fieber sind Teil der Intertrigoprophylaxe – auch wenn sie nicht danach aussehen.
Anwendung im Alltag:
- Bei jeder Körperpflege alle Risikofalten öffnen und inspizieren – nicht nur die auffälligen.
- Rötungen sofort dokumentieren, mit Angabe der Lokalisation und Ausdehnung.
- Maßnahme und Wirkung im Verlauf festhalten, nicht nur den Befund.
- Bei bestehendem Intertrigo ärztliche Abklärung veranlassen – insbesondere bei Verdacht auf Pilzbefall.
Drei Maßnahmen, die schaden
Diese drei Gewohnheiten halten sich hartnäckig – fachlich werden sie heute übereinstimmend abgelehnt.
❌ Puder
Puder galt lange als Standard und ist heute fachlich verlassen. Er nimmt zwar Feuchtigkeit auf, verklumpt dabei aber zu einer krümeligen Masse, die wie Schmirgelpapier zwischen den Hautflächen wirkt – er verstärkt also genau den Reibungsschaden, den er verhindern soll. Bei stärkehaltigen Produkten kommt hinzu, dass sie Hefepilzen einen Nährboden bieten können.
❌ Zellstoff oder Kompressen in der Falte
Zellstoff nimmt Feuchtigkeit auf und hält sie direkt an der Haut fest. Er zerfasert, klebt an der aufgeweichten Hornschicht und reißt beim Entfernen Hautschichten mit ab. Auch Mullkompressen sind ungeeignet: Ihre grobe Struktur reibt.
❌ Fettende Salben in dicker Schicht
Fettsalben legen sich okklusiv über die Haut. Der Schweiß kann nicht mehr verdunsten, unter der Schicht entsteht ein feuchtwarmes Milieu – also genau die Bedingung, die Intertrigo hervorruft. Wenn ein Hautschutz nötig ist, dann dünn und atmungsaktiv.
Wenn ein Pilz dazukommt
Das feucht-warme Klima der Hautfalte ist ein idealer Lebensraum für Candida albicans. Eine Superinfektion mit Hefepilzen ist deshalb häufig – und sie verändert das Bild charakteristisch:
- Randbetonte Rötung mit deutlich abgegrenztem, oft schuppendem Saum
- Satellitenläsionen – kleine, kreisrunde Herde im Randbereich, abseits der eigentlichen Falte
- Weißliche Beläge und verstärkter Juckreiz
Diese Zeichen gehören ärztlich abgeklärt. Eine antimykotische Behandlung wird ärztlich verordnet – pflegerisch bleibt Ihre Aufgabe, die Falte trocken und belüftet zu halten, denn ohne Trockenheit wirkt auch das beste Präparat nur begrenzt.
Nicht jede Rötung in der Falte ist ein Intertrigo
In Hautfalten treten weitere Erkrankungen auf, die ähnlich aussehen und anders behandelt werden – etwa Erythrasma (bakteriell, oft bräunlich), Psoriasis inversa, Tinea oder ein Kontaktekzem durch Pflegeprodukte oder Inkontinenzmaterial.
Als Regel für den Alltag: Ein Intertrigo, der unter konsequenter Prophylaxe über etwa zwei Wochen nicht abheilt oder sich verschlechtert, gehört ärztlich neu bewertet. Nicht länger zuwarten und nicht eigenmächtig auf ein anderes Präparat wechseln.
Abgrenzung: Intertrigo, IAD oder Dekubitus?
Diese drei Hautschäden treten in ähnlichen Regionen auf und werden regelmäßig verwechselt. Die Unterscheidung ist keine akademische Frage – sie entscheidet über die Maßnahme.
| Intertrigo | Inkontinenzassoziierte Dermatitis (IAD) | Dekubitus | |
|---|---|---|---|
| Ursache | Feuchtigkeit, Wärme, Reibung in der Falte | Chemische Reizung durch Urin und Stuhl | Druck und Scherkräfte |
| Lokalisation | In der Hautfalte, spiegelbildlich | Flächig im Kontaktbereich, auch außerhalb von Falten | Über Knochenvorsprüngen |
| Begrenzung | Folgt der Falte | Diffus, unscharf | Meist scharf begrenzt, rundlich |
| Erste Maßnahme | Trocknen, belüften | Kontinenzmanagement, Hautschutz | Druckentlastung |
In der Praxis treten Mischformen auf – etwa Intertrigo und IAD gleichzeitig in der Gesäßfalte. Dokumentieren Sie dann beide Anteile und leiten Sie beide Maßnahmen ein. Wie Sie einen Dekubitus sicher erkennen und graduieren, lesen Sie in unserem Beitrag zu Dekubitus: Graden, Entstehung und Prophylaxe.
Beobachten und dokumentieren
Eine Intertrigoprophylaxe, die nicht dokumentiert ist, lässt sich weder im Team fortführen noch in einer Qualitätsprüfung belegen. Halten Sie fest:
- Welche Falten inspiziert wurden – nicht nur die auffälligen
- Befund mit Lokalisation, Ausdehnung und Hautzustand
- Eingeleitete Maßnahme und ihre Frequenz
- Wirkung im Verlauf – Besserung, Stagnation oder Verschlechterung
- Ärztliche Rücksprache, sofern erfolgt
Beziehen Sie die Beobachtungen in die Risikoeinschätzung ein: In der erweiterten Norton-Skala ist der Hautzustand ein eigenes Kriterium.
Hautbeobachtung, die Schäden verhindert
Intertrigo, IAD und Dekubitus sicher zu unterscheiden und die passende Maßnahme abzuleiten – das ist erlernbares Handwerk. In den Weiterbildungen von LIVENTO trainieren Sie es an Fallbeispielen aus Ihrem Arbeitsalltag, online-live und ohne Berufsausfall.
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Häufige Fragen zur Intertrigoprophylaxe
Was ist Intertrigo?
Intertrigo ist eine entzündliche Hautveränderung in Bereichen, in denen zwei Hautflächen aufeinanderliegen. Sie entsteht durch das Zusammenspiel von Feuchtigkeit, Wärme und Reibung und zeigt sich typischerweise als spiegelbildliche Rötung beidseits der Hautfalte.
Welche Maßnahmen gehören zur Intertrigoprophylaxe?
Zentrale Maßnahmen sind: Hautfalten nach dem Waschen tupfend trocknen, Falten regelmäßig belüften, bei Bedarf atmungsaktive Textilstreifen einlegen und regelmäßig wechseln, atmungsaktive und locker sitzende Kleidung wählen, Hautschutzprodukte dünn auftragen sowie Grunderkrankungen wie Diabetes und Inkontinenz konsequent behandeln.
Warum ist Puder bei Intertrigo nicht geeignet?
Puder verklumpt mit Feuchtigkeit zu einer krümeligen Masse, die zwischen den Hautflächen wie ein Schleifmittel wirkt – er verstärkt damit genau den Reibungsschaden, den er verhindern soll. Bei stärkehaltigen Produkten kommt hinzu, dass sie Hefepilzen einen Nährboden bieten können. Puder gilt in der Intertrigoprophylaxe deshalb als überholt.
Wo tritt Intertrigo am häufigsten auf?
Typische Lokalisationen sind unter der Brust, in der Leistenregion, in den Achselhöhlen, in Bauch- und Halsfalten, in der Gesäßfalte sowie zwischen den Zehen.
Wie erkenne ich eine Pilzinfektion bei Intertrigo?
Auf eine Superinfektion mit Hefepilzen deuten eine randbetonte, scharf abgegrenzte Rötung, kleine kreisrunde Herde im Randbereich – sogenannte Satellitenläsionen – sowie weißliche Beläge und verstärkter Juckreiz hin. Diese Zeichen gehören ärztlich abgeklärt.
Was ist der Unterschied zwischen Intertrigo und einer inkontinenzassoziierten Dermatitis?
Intertrigo entsteht durch Feuchtigkeit, Wärme und Reibung in Hautfalten und folgt dem Verlauf der Falte. Die inkontinenzassoziierte Dermatitis entsteht durch chemische Reizung der Haut durch Urin und Stuhl und zeigt sich flächig und unscharf begrenzt, auch außerhalb von Falten. Beide können gleichzeitig auftreten.
Quellen und weiterführende Literatur
- Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP): Expertenstandard Förderung der Hautintegrität in der Pflege
- AWMF-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Candida-Infektionen der Haut
- Nationale Versorgungsleitlinie Typ-2-Diabetes – Präventions- und Behandlungsstrategien für Fußkomplikationen


