Wenn in Ihrer Einrichtung „nach Norton“ eingeschätzt wird, ist damit fast nie die Original-Skala gemeint. Verwendet wird in aller Regel die erweiterte Fassung mit neun Kriterien – und wer beide verwechselt, rechnet mit dem falschen Grenzwert.
Dieser Beitrag zeigt Ihnen beide Versionen mit allen Kriterien und Punktwerten, erklärt die Risikogrenzen und ordnet ein, was der Expertenstandard des DNQP zur Aussagekraft solcher Skalen sagt.
Inhaltsverzeichnis
- Was ist die Norton-Skala?
- Die Original-Norton-Skala: fünf Kriterien
- Die erweiterte Norton-Skala: neun Kriterien
- Punktwerte und Risikogrenzen
- Fallbeispiel: Herr Osmani, 71 Jahre
- Wie verlässlich ist die Skala?
- Norton oder Braden?
- Häufige Fragen
- Quellen
Was ist die Norton-Skala?
Die Norton-Skala ist das älteste standardisierte Instrument zur Einschätzung des Dekubitusrisikos. Sie entstand 1962 im Rahmen einer britischen Untersuchung zur Versorgung geriatrischer Patientinnen und Patienten durch Doreen Norton, Rhoda McLaren und Arthur Exton-Smith.
Ihr Prinzip ist bis heute unverändert: Mehrere Risikofaktoren werden getrennt bewertet und zu einem Summenwert addiert. Anders als bei Schulnoten bedeutet ein niedriger Wert ein hohes Risiko.
1985 überarbeitete eine Arbeitsgruppe um die deutsche Pflegewissenschaftlerin Christel Bienstein das Instrument und ergänzte vier Kriterien. Diese erweiterte Norton-Skala ist im deutschsprachigen Raum die verbreitete Variante – und der Grund, warum die Angabe „Norton-Skala“ ohne Zusatz missverständlich ist.
Die Original-Norton-Skala: fünf Kriterien
Die ursprüngliche Fassung bewertet fünf Kriterien mit jeweils 1 bis 4 Punkten. Der Summenwert liegt zwischen 5 und 20 Punkten.
| Kriterium | 4 Punkte | 1 Punkt |
|---|---|---|
| Körperlicher Zustand | Gut | Sehr schlecht |
| Geistiger Zustand | Klar | Stuporös |
| Aktivität | Geht ohne Hilfe | Bettlägerig |
| Beweglichkeit | Voll beweglich | Immobil („voll eingeschränkt“) |
| Inkontinenz | Keine | Harn- und Stuhlinkontinenz |
Als Risikogrenze gilt hier ein Wert von 14 Punkten oder weniger.
Die Schwäche dieser Fassung: Zentrale Einflussgrößen fehlen. Weder der Zustand der Haut selbst noch das Alter oder relevante Begleiterkrankungen werden erfasst – Faktoren, die das Risiko erheblich mitbestimmen.
Die erweiterte Norton-Skala: neun Kriterien
Genau diese Lücken schließt die erweiterte Fassung. Sie bewertet neun Kriterien mit je 1 bis 4 Punkten, der Summenwert liegt zwischen 9 und 36 Punkten.
| Kriterium | Was bewertet wird | Punkte |
|---|---|---|
| Bereitschaft zur Kooperation | Motivation, an der eigenen Versorgung mitzuwirken | 1–4 |
| Alter | Altersgruppe – mit steigendem Alter sinkt der Punktwert | 1–4 |
| Hautzustand | Beschaffenheit der Haut: intakt, trocken, feucht, verletzt | 1–4 |
| Zusatzerkrankungen | Diabetes, Anämie, Gefäßerkrankungen, Fieber und andere | 1–4 |
| Körperlicher Zustand | Allgemeinzustand und Kräftezustand | 1–4 |
| Geistiger Zustand | Bewusstseinslage und Orientierung | 1–4 |
| Aktivität | Ausmaß der Fortbewegung | 1–4 |
| Beweglichkeit | Fähigkeit zum selbstständigen Positionswechsel | 1–4 |
| Inkontinenz | Ausmaß der Harn- und Stuhlinkontinenz | 1–4 |
💡 Tipp aus der Praxis
Das Kriterium Alter lässt sich nicht beeinflussen – die anderen acht sehr wohl. Nutzen Sie den Bogen deshalb als Landkarte: Wo stehen Einsen und Zweien, die Sie verändern können? Hautzustand, Kooperationsbereitschaft und Zusatzerkrankungen sind Ansatzpunkte, die im Alltag oft übersehen werden.
Punktwerte und Risikogrenzen
Die Grenzwerte unterscheiden sich je nach Fassung deutlich. Genau hier entstehen die häufigsten Fehler.
| Original-Norton | Erweiterte Norton | |
|---|---|---|
| Anzahl Kriterien | 5 | 9 |
| Punktebereich | 5–20 | 9–36 |
| Risiko besteht ab | ≤ 14 Punkte | ≤ 25 Punkte |
| Verbreitung heute | Selten | Im deutschsprachigen Raum üblich |
Für die erweiterte Skala gilt:
- 25 Punkte und weniger: Dekubitusrisiko besteht – Maßnahmen einleiten
- Über 25 Punkte: kein rechnerisches Risiko – die Hautbeobachtung bleibt dennoch Pflicht
Feinere Abstufungen innerhalb des Risikobereichs werden in der Literatur uneinheitlich angegeben. Verbindlich ist die Staffelung, die im Pflegestandard Ihrer Einrichtung hinterlegt ist – erfinden Sie keine eigene.
Wie oft erheben? Für die erweiterte Norton-Skala wird üblicherweise ein Reassessment etwa zweimal wöchentlich empfohlen, zusätzlich immer bei relevanter Zustandsänderung.
Wichtig: Prüfen Sie im Pflegestandard Ihrer Einrichtung nach, welche Fassung und welcher Grenzwert dort festgelegt sind. Ein Wert von 24 Punkten bedeutet in der erweiterten Skala Risiko – in der Original-Skala wäre er gar nicht erreichbar.
Fallbeispiel: Herr Osmani, 71 Jahre
Herr Osmani ist nach einer Hüft-Operation in der Kurzzeitpflege. Er ist orientiert und motiviert und geht kurze Strecken mit Unterstützung, bewegt sich im Bett wegen Schmerzen aber kaum. Er hat einen seit Jahren bestehenden Diabetes mellitus, die Haut an den Fersen ist trocken und schuppig. Nachts nutzt er eine Urinflasche, tagsüber ist er kontinent.
| Kriterium | Einschätzung | Punkte |
|---|---|---|
| Bereitschaft zur Kooperation | Voll motiviert | 4 |
| Alter | Über 60 Jahre | 1 |
| Hautzustand | Schuppig, trocken | 3 |
| Zusatzerkrankungen | Diabetes mellitus | 3 |
| Körperlicher Zustand | Schlecht – postoperativ geschwächt | 2 |
| Geistiger Zustand | Klar | 4 |
| Aktivität | Geht mit Hilfe | 3 |
| Beweglichkeit | Sehr eingeschränkt durch Schmerz | 2 |
| Inkontinenz | Keine | 4 |
| Summe | 26 |
Ergebnis: 26 Punkte – rechnerisch also kein Risiko. Und genau deshalb ist dieser Fall lehrreich.
Herr Osmani ist wach, motiviert und kontinent und erreicht in diesen drei Kriterien jeweils den Höchstwert. Diese zwölf Punkte überdecken in der Summe, was fachlich ins Auge springt: eingeschränkte Beweglichkeit durch Schmerz, ein Diabetes mellitus, trockene Haut an genau den Fersen, die postoperativ dauerhaft aufliegen. Die Skala sagt „unauffällig“ – die Fersen sagen etwas anderes.
Das ist keine Schwäche in der Anwendung, sondern die im Expertenstandard beschriebene Grenze des Instruments. Ein Wert über dem Grenzwert entbindet Sie nicht von Hautinspektion und eigener Einschätzung. Wenn Sie ein Risiko sehen, das die Skala nicht abbildet, dokumentieren Sie es mit Begründung und handeln danach.
Daraus folgt konkret:
- Schmerzmanagement als Prophylaxe verstehen. Wer vor Schmerz keine Position wechselt, ist nicht unmotiviert – er ist unterversorgt. Ärztliche Rücksprache zur Analgesie vor Mobilisation.
- Fersen konsequent freilagern und Hautpflege bei trockener Haut anpassen.
- Kooperationsbereitschaft nutzen: Herrn Osmani zur Eigenbewegung anleiten, solange er dazu in der Lage ist.
- Reassessment nach der Schmerzeinstellung – und die abweichende klinische Einschätzung ausdrücklich dokumentieren, damit die Maßnahmen im Team nachvollziehbar bleiben.
Wie verlässlich ist die Skala?
Der Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege des DNQP empfiehlt kein bestimmtes Instrument – weder Norton noch Braden noch eine andere Skala. Er weist darüber hinaus darauf hin, dass für Risikoskalen bislang nicht belegt ist, dass ihr Einsatz die Dekubitushäufigkeit stärker senkt als die klinische Einschätzung erfahrener Pflegefachpersonen.
Für die Norton-Skala kommt eine bekannte methodische Schwäche hinzu: Mehrere Kriterien beruhen auf globalen Werturteilen wie „körperlicher Zustand: gut / mäßig / schlecht / sehr schlecht“. Solche Einstufungen fallen bei verschiedenen Anwenderinnen unterschiedlich aus – die Übereinstimmung im Team ist geringer als bei Skalen mit eng beschriebenen Kategorien.
Was Sie daraus machen können:
- Definieren Sie im Team, was „mäßig“ bedeutet. Eine gemeinsame Auslegung ist wirksamer als jede Nachkommastelle im Summenwert.
- Nutzen Sie die Skala als Gesprächsanlass, nicht als Ergebnis. Der Wert eröffnet die Frage „woran liegt es?“ – beantworten muss sie Ihre Fachlichkeit.
- Dokumentieren Sie Risiken, die die Skala nicht abbildet – etwa Druck durch Sonden, Katheter oder Schienen. Die Norton-Skala erfasst sie nicht.
Die Entstehungsmechanismen und die Gradeinteilung finden Sie ausführlich in unserem Beitrag zu Dekubitus: Graden, Entstehung und Prophylaxe.
Norton oder Braden?
Beide Instrumente sind fachlich anerkannt und beide haben Grenzen. Sie unterscheiden sich vor allem darin, was sie in den Blick nehmen.
| Erweiterte Norton-Skala | Braden-Skala | |
|---|---|---|
| Kriterien | 9 | 6 |
| Punktebereich | 9–36 | 6–23 |
| Risikogrenze | ≤ 25 | ≤ 18 (bzw. ≤ 16) |
| Erfasst Alter und Vorerkrankungen | Ja | Nein |
| Erfasst Ernährungszustand | Nein | Ja |
| Erfasst Reibung und Scherkräfte | Nein | Ja |
| Kategorien beschrieben | Eher global | Eng definiert |
Die Kurzfassung: Norton denkt stärker vom Menschen her (Alter, Erkrankungen, Haut), Braden stärker vom Entstehungsmechanismus (Druck und Gewebetoleranz). Alle Details zur Alternative lesen Sie in unserem Beitrag zur Braden-Skala.
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Häufige Fragen zur Norton-Skala
Wie viele Punkte hat die Norton-Skala?
Die Original-Norton-Skala bewertet fünf Kriterien mit je 1 bis 4 Punkten, der Summenwert liegt zwischen 5 und 20 Punkten. Die erweiterte Norton-Skala bewertet neun Kriterien mit je 1 bis 4 Punkten und ergibt 9 bis 36 Punkte.
Ab wie vielen Punkten besteht nach Norton ein Dekubitusrisiko?
Bei der Original-Norton-Skala gilt ein Wert von 14 Punkten oder weniger als risikobehaftet. Bei der erweiterten Norton-Skala liegt die Grenze bei 25 Punkten oder weniger. Welche Fassung gilt, legt der Pflegestandard der Einrichtung fest.
Was ist der Unterschied zwischen Norton-Skala und erweiterter Norton-Skala?
Die erweiterte Fassung ergänzt die fünf ursprünglichen Kriterien um vier weitere: Bereitschaft zur Kooperation, Alter, Hautzustand und Zusatzerkrankungen. Damit erfasst sie Einflussgrößen, die in der Originalfassung fehlen.
Wer hat die Norton-Skala entwickelt?
Die Original-Skala wurde 1962 von der britischen Pflegewissenschaftlerin Doreen Norton entwickelt. Die erweiterte Fassung entstand 1985 durch eine Arbeitsgruppe um die deutsche Pflegewissenschaftlerin Christel Bienstein.
Bedeutet ein niedriger Punktwert ein hohes oder ein niedriges Risiko?
Ein niedriger Punktwert bedeutet ein hohes Dekubitusrisiko. Die Skala ist umgekehrt zu Schulnoten aufgebaut: Je mehr Punkte erreicht werden, desto geringer ist das Risiko.
Ist die Norton-Skala im Expertenstandard vorgeschrieben?
Nein. Der Expertenstandard Dekubitusprophylaxe des DNQP empfiehlt kein bestimmtes Instrument und weist darauf hin, dass Risikoskalen die klinische Einschätzung erfahrener Pflegefachpersonen nicht nachweislich übertreffen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Norton D, McLaren R, Exton-Smith AN: An Investigation of Geriatric Nursing Problems in Hospital, 1962
- Bienstein C et al.: Erweiterte Norton-Skala, 1985
- Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP): Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege


